Zugspitz-Spitzen
- aj
- vor 3 Tagen
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Karola* habe ich Anfang der 2000er in einem Eiskletter-Camp in Südtirol kennengelernt. Veranstaltet hatte das Camp die Alpinschule Südtirol von Hans Kammerlander. Wir waren Schwestern im Leid, da wir beide noch lange etwas von dem Camp hatten. Nämlich sehr schmerzhafte Verletzungen der Fingerknöchel an beiden Händen. Die Schäfte der von der Alpinschule zur Verfügung gestellten Eisgeräte waren damals noch kerzengerade – heute verwendet man moderne, ergonomisch geformte Geräte, an denen man sich wie an einer Türklinke festhalten kann – und die meistens einen zusätzlichen Anprallschutz für die Hände haben. Mit den geraden Schäften jedoch konnte es je nach Können, Erfahrung und Technik mehrmals am Tag passieren, dass man beim Schlagen mit den Knöcheln ans Eis donnerte, zumal wenn dieses recht unregelmäßig aufgebaut war. Besonderen „Spaß“ bereitete hier das sogenannte Blumenkohleis, das genau so aussieht, wie sein Name es vermuten lässt. Jedenfalls hatten wir auch Wochen nach dem Camp noch mit unseren Prellungen und Blutergüssen zu kämpfen und bei uns beiden wurde jeweils der Mittelfinger einer Hand vorübergehend steif. Ob dies in Zukunft für gewisse Gesten von Vorteil gewesen wäre… wer weiß. Wir zogen es vor, die lästige Bewegungseinschränkung mit einem Physiotherapeuten buchstäblich wieder in den Griff zu bekommen.
Inzwischen hat Karola Deutschland den Rücken gekehrt und lebt in einem arabischen Land als Zweitfrau eines renommierten Arztes.
Vorher wollte sie aber noch den höchsten Berg der Republik, die Zugspitze, mit 2.962 Metern, besteigen. Soviel Heimatverbundenheit muss sein! Und natürlich fährt eine echte Alpinistin nicht einfach mit der Seilbahn rauf und läuft dann die paar Meter rüber zum Gipfel. - Damals gab es nur ein einziges Gipfelkreuz auf Deutschlands höchstem Punkt. Von einem witterungsunabhängigen Klapperl-Touristen-Indoor-Ersatz-Kreuz gleich bei der Seilbahnstation, in nächster Nähe zu den WC-Anlagen, träumte damals noch nicht einmal nachts irgendwer.
Da ich den langen Anstieg über das Höllental bereits kannte, fragte Karola mich, ob ich sie begleiten möchte. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. An einem etwas bedeckten Werktag im Juli ging es los. Um halb acht Uhr morgens starteten wir am Parkplatz in Hammersbach bei Garmisch. Vor uns lagen 2.200 Höhenmeter und sechs bis acht Stunden Aufstieg. Alles lief glatt! Der Gletscher war gut zu begehen, die Spalten alle sichtbar und so schön schmal, dass man einfach drüberspringen konnte. Die Randkluft war in diesem Sommer ebenfalls gut zu überwinden – ein beherzter großer Schritt reichte aus, um an die ersten Eisenkrampen und das Drahtseil zu gelangen. Ein paar Jahre zuvor musste man sich mit einem losen Drahtseil wie Tarzan von der obersten Schneekante an den Fels hinüberschwingen und dann erst einmal 15 Meter ungesichert am glatt polierten Fels unter erneuter Zuhilfenahme der „Liane“ hochkraxeln. – Heute dürfte die Tour nicht mehr so entspannt sein. Durch das kontinuierliche Abschmelzen des Höllentalferners und die Auflösung des Permafrosts – Stichwort Steinschlag – ist vermutlich alles etwas gefährlicher geworden als es noch vor einem Vierteljahrhundert war.
Nach sechs Stunden standen wir bereits neben dem berühmten goldenen Gipfelkreuz auf knapp 3000 Metern Höhe. Gerade als wir unseren Erfolg auf einem Foto festhalten wollten, fing es an zu graupeln. Da kam ein Mann von der Seilbahn herüber und stieg zum Kreuz und uns herauf. Er hatte die bekannten Korksandalen mit den breiten Lederriemen an den Füßen, eine dünne dreiviertellange Leinenhose in rosa und ein weißes T-Shirt an. In der Hand trug er eine kleine Plastiktüte. Als er uns sah in voller Montur - mit Klettergurt, Helm, Handschuhen, die Steigeisen vom Rucksack baumelnd, brach er in schallendes Gelächter aus.
Karola und ich schauten uns an und verdrehten vielsagend die Augen. Dann schüttelte ich den Kopf, wandte mich zu ihm hin und meinte: „Servus, was lachst´n du so blöd?“ - Er antwortete schnippisch „Seid ihr nicht ein bisschen overdressed für das kurze Stück von der Gondel hier herüber, hm?“ - „Ja, wahrscheinlich. Allerdings sind wir vom Tal aus aufgestiegen, über den Höllentalferner, 2.200 Höhenmeter, sechs Stunden...“ Sofort hörte er auf zu Lachen und es kam nur noch ein kleinlautes „Wie? Man kann auch zu Fuß hier heraufgehen?“ aus seinem Mund. Inzwischen fing es immer stärker an zu graupeln und für uns war es höchste Zeit, sich zwecks Talfahrt in Richtung Seilbahnstation zu begeben. Bevor wir den Kasper im Graupelschauer sich selbst überließen meinte ich zu ihm: „Bist du nicht a bisserl underdressed bei dem Sauwetter hier heroben, hm?“
* Name geändert

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