Sicher Sören
- aj
- 24. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Mit meinem guten Bergfreund Sören* aus Wuppertal nahm ich im Jahr 2003 an einem Projekt des Deutschen Alpenvereins teil. Es ging darum, die Fitness von Bergwanderern und deren relatives Herzinfarktrisiko in einem Zehnjahreszeitraum repräsentativ zu ermitteln. Hierfür wurden Bewerber aus verschiedenen Altersgruppen zur Teilnahme ausgewählt. Ich hatte mich zusammen mit Sören beworben und wir durften dabei sein.
Zum besagten Termin fuhren wir also Richtung Berchtesgaden, genauer gesagt in die Klinik Schönau am Königssee, wo bereits ein Team aus Ärzten und Krankenschwestern auf uns wartete. Zunächst wurde uns allen ein bisschen Blut abgezapft. Das war für Sören der schlimmste Teil der gesamten Veranstaltung, weil er keine Nadeln mochte. Danach wurde ein EKG abgeleitet und ein Orthopäde hatte seine helle Freude mit all unseren O- und X-Beinen, unseren Senk-, Spreiz- und Knickfüßen – und sicher auch mit dem Halux valgus von Sören...
Nach der eingehenden Untersuchung gingen wir mit den Ärzten zum gemeinsamen Mittagessen. Anschließend holte uns ein Kleinbus an der Klinik ab und brachte uns gegen zwei Uhr nachmittags pappsatt, müde und - wegen der hohen Temperaturen an diesem Tag - bereits vom Nichtstun komplett durchgeschwitzt zur Wimbachbrücke in Ramsau, dem Ausgangspunkt unserer ärztlich begleiteten Wandertour zum Watzmannhaus. In der größten Mittagshitze ging es also los. Knapp vier Stunden und etwa 1.300 Höhenmeter Aufstieg lagen vor uns – und die sollten bei über 30 Grad im Schatten an diesem Tag alles andere als ein Spaziergang werden. Irgendjemand aus unserer Gruppe hatte sich den eigens für mich reservierten Pulsgurt in Größe XS – ja, ich wog damals tatsächlich noch unter 50 kg - unter den Nagel gerissen... oder besser gesagt, unter die rot-weiß-karierte Berguniform geschnallt, so dass ich in damaliger Ermangelung geeigneter Körpermaße ohne Pulsgurt loslaufen musste, weil mir alle anderen Exemplare schlicht und ergreifend auch in der aller engsten Einstellung noch viel zu weit waren. Der Gurt muss ja, um ordnungsgemäß messen zu können, eng am Körper anliegen. Der nette Wanderfreund wollte das Ding auch nicht mehr hergeben – und ich wollte es so gebadet in fremder Körperflüssigkeit auch gar nicht mehr haben. Die Alternative an jenem Tag war nun, dass der junge Arzt, der uns begleitete, seine Finger alle Viertelstunde in meiner Halsschlagader vergrub, um meine Pulsfrequenz zu ermitteln, während ich keuchend neben ihm her trabte. Einziger Trost für mich: Es war ein extrem gut aussehender junger Arzt, dessen kräftige Finger sich immer wieder - ähnlich den Zähnen eines Vampirs - in meinen Hals bohrten. Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, ob tatsächlich nur die Hitze und der steile Anstieg für meinen ungewöhnlich hohen Puls verantwortlich waren.
Gegen 18.00 Uhr erreichten wir alle fröhlich und zufrieden das große Schutzhaus am Falzköpfl. Nach der Zimmerverteilung und einem thematisch abgestimmten Vollwert-Abendessen lauschten wir noch dem Vortrag unseres medizinischen Leiters über gesunde Ernährung in den Bergen, bevor sich jeder nach diesem gleichermaßen anstrengenden und aufregenden Tag in sein Bett oder Matratzenlager verkroch.
Der nächste Morgen begann ebenso gesund, wie der Tag zuvor endete - mit Vollkornbrot, Müsli und frischem Obst. Nach dem ausgiebigen Frühstück packte jeder seinen Rucksack und machte sich fertig zum Aufbruch zurück ins Tal und zur Nachbesprechung unserer Untersuchungsergebnisse in der Klinik. Als wir alle schon draußen auf der Terrasse des Watzmannhauses standen, rief uns der Wirt nach, dass da noch ein Mobiltelefon auf der Sitzbank im Gastraum liegen würde. Ohne mich umzudrehen oder das Gerät näher betrachtet zu haben, sagte ich zu den anderen: „Das ist sicher Sörens Handy. Der vergisst immer irgendwas!“ – Und es war Sörens Handy.
Beim Weiterweg hinunter über den Falzsteig trennte sich die reine Wanderer-Spreu – das ist keinesfalls despektierlich gemeint - etwas vom Bergsteiger-Weizen und ich war mit einigen anderen schon etwas weiter vorne, als plötzlich hinter uns lautes, anhaltendes Poltern und Krachen zu hören war. Ohne mich umzudrehen und nachzuschauen, was denn da los ist, sagte ich nur: „Das ist sicher Sören, der fällt ständig irgendwo runter und rollt dann einfach teilnahmslos weiter!“ – Es war tatsächlich Sören, der gestolpert war, und dann ohne jeglichen Reflex eines Bremsversuchs über den steilen Steig noch weiter hinunter kullerte. Idealerweise war mein Kumpel bei derartigen Stürzen immer so tiefenentspannt, dass er sich nie ernsthaft verletzte. Und auch diesmal ging wieder alles gut.
Als wir auf der Kührointalm ankamen, legten wir eine letzte kleine Pause ein. Jeder bestellte bei der schon wieder beginnenden schwülen Hitze ein kaltes Getränk und genoss dieses sichtlich. Nach einer halben Stunde – wir wollten schon weitergehen – kam der Wirt gelaufen und sagte, er habe ein rotes Baseball-Cap im Flur gefunden. Ohne das Käppi näher gesehen zu haben, sagte ich: „Das ist sicher Sörens Käppi, der lässt immer irgendwas liegen!“ – Und was soll ich sagen: Es war Sörens Käppi.
Trotz alledem ist die gesamte Truppe wieder gut im Tal und in der Klinik angekommen. Unsere Untersuchungsergebnisse konnten sich sehen lassen – und es war wieder einmal bewiesen: Bergsport ist sehr gesund und erhält die körperliche und geistige Fitness bis ins hohe Alter! Ausnahmen bestätigen die Regel. Sicher...
Nachwort: Sören war mit stolzen 75 Jahren noch eine Woche mit mir beim Eisklettern in Südtirol. Mit 90 wollte er das Matterhorn besteigen. Leider wurde nichts mehr daraus. Vor ein paar Jahren hat er sich zu seiner letzten Tour aufgemacht. Es war – wer hätte das gedacht – eine natürliche Todesursache.
Mach´s gut, Sören! Von welchem Gipfel auch immer du jetzt auf uns herunterschaust.
* Name geändert

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