top of page

Brückenschlag

  • aj
  • 9. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Ein etwas bedeckter Sonntagnachmittag im späten Frühling vor ein paar Jahren. Weiter oben in den Bergen lag noch einiges an Schnee. Meine „schlechtere Hälfte“ und ich sind gerade den Obergurgler Zirbenwald-Klettersteig gegangen. Wir sitzen am Ausstieg gemütlich auf einem Felsen, weil die Wiese noch zu feucht ist, und beratschlagen, ob wir nun für den bevorstehenden Abstieg den Weg links herum oder rechts herum wählen sollen. Im Grunde führen beide Wege zurück in den Ort, nur dass der eine viel kürzer ist, dafür aber gleich zu Beginn einen Gegenanstieg erfordert. Wir entscheiden uns nach einigem Hin und Her für den längeren Abstieg, in der Hoffnung, dass dieser auch der landschaftlich eindrucksvollere sein würde, weil er zunächst noch weiter in den Talschluss hineinführt.


Beide Abstiege haben noch eine Gemeinsamkeit: Man muss irgendwann die Gurgler Ache überqueren. In der Regel tut man dies in beiden Fällen mit Hilfe einer Brücke... - Bereits nach ein paar Minuten Abstieg konnten wir von oben vage erkennen, dass die Brücke auf dem von uns gewählten Weg irgendwie anders aussah, als man sich eine Brücke landläufig vorstellt. Trotzdem liefen wir beharrlich immer weiter runter und redeten uns währenddessen die Brücke „schön“, indem wir uns damit beruhigten, dass wir einfach noch zu weit weg sein würden, um alles genau erkennen zu können.


Als wir endlich bei „unserer“ Brücke ankamen, stellte sich heraus, dass ihr auch aus nächster Nähe betrachtet etwas Grundlegendes fehlte: sie hatte keinen Boden, auf dem man hätte einfach drüber laufen können. Die Bohlen waren wohl vor dem Winter entfernt worden, um die Brücke keiner unnötigen Schneelast auszusetzen. Jahreszeitlich bedingt hatte man sie offensichtlich noch nicht wieder eingefügt.


Jetzt standen wir also da wie bestellt und nicht abgeholt – und hätten eigentlich den ganzen steilen Weg wieder bergauf zurück gehen müssen zum Ausstieg des Klettersteigs, um dann doch den bislang verschmähten, kürzeren Abstieg zu nehmen. Darauf hatte ich allerdings gerade so gar keine Lust. „Wofür haben wir denn die Klettersteig-Ausrüstung dabei?“ fragte ich, rein rhetorisch natürlich, meinen Freund, während ich bereits meinen Rucksack absetzte und anfing, mich erneut in den Klettergurt zu zwängen. Er schaute mich mit großen Augen an, meinte nur lapidar „Du spinnst ja!“, zog aber dann ebenfalls brav und ohne weitere Diskussion Gurt, Helm und Handschuhe wieder an. Auch er legte ja in Wirklichkeit keinen gesteigerten Wert darauf, den ganzen Weg wieder retour zu laufen.


Ein paar Minuten später hangelten wir uns – pipifein und redundant gesichert – an der Stahlkonstruktion des Brückengeländers entlang auf die andere Seite des reißenden Gebirgsflusses. Ab hier konnten wir unseren Abstieg zurück nach Obergurgl ungehindert auf einem schönen Almweg fortsetzen. Wir schauten uns um, aber es war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Gut so! Wenigstens hat uns niemand bei unserer „Aktion“ beobachtet. Schließlich wollten wir ja kein schlechtes Beispiel abgeben oder gar andere Leute zum Nachahmen animieren!


Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht und einem kleinen extra Abenteuer im Herzen kamen wir wohlbehalten am Parkplatz in Obergurgl an.


Tags darauf erzählte ein Arbeitskollege meinem Freund, dass er sein Wochenende im Ötztal verbracht habe. Am Sonntag seien sie nach Obergurgl gefahren und ein Stück auf der Almstraße ins Tal hineingewandert. Was er dort mit seiner Familie aus der Ferne beobachten musste, sei wirklich haarsträubend gewesen: „Wir trauten unseren Augen kaum: Da sind doch tatsächlich irgendwelche zwei Idioten an der Stahlkonstruktion einer Brücke entlanggeklettert!...“ - Mein Freund überlegte einen kurzen Moment, ob er sich „outen“ soll, schenkte seinem Kollegen dann aber doch reinen Wein ein: „Ähm… Die zwei Idioten waren wir, meine Freundin und ich. Wir wollten nicht den ganzen Weg wieder zurück gehen, als wir bemerkt haben, dass die Brücke noch nicht instand gesetzt ist. - Waren aber mit dem Klettersteigset tadellos gesichert…“ argumentierte mein Freund noch zu unserer Verteidigung. - Es half nichts. „Ihr habt ja beide einen Schlag!“ attestierte ihm der Kollege sofort. - Ja, da hat er wahrscheinlich sogar recht… aber manchmal braucht´s halt auf dieser Welt einfach einen kleinen Brücken-Schlag!



Sicherheitshinweis:

Bitte keinesfalls nachmachen! Wir sind erfahrene Kletterer, konnten die Situation realistisch einschätzen und verfügten über die entsprechende Ausrüstung, um das Verletzungsrisiko für uns so gering wie möglich zu halten.

Grundsätzlich dienen Wintersperren oder generell Sperrungen von Wegen, Steigen, Brücken usw. der eigenen Sicherheit. Bitte nehmt solche Sperrungen ernst und haltet euch daran.



Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Zugspitz-Spitzen

Karola* habe ich Anfang der 2000er in einem Eiskletter-Camp in Südtirol kennengelernt. Veranstaltet hatte das Camp die Alpinschule Südtirol von Hans Kammerlander. Wir waren Schwestern im Leid, da wir

 
 
 
Sicher Sören

Mit meinem guten Bergfreund Sören* aus Wuppertal nahm ich im Jahr 2003 an einem Projekt des Deutschen Alpenvereins teil. Es ging darum, die Fitness von Bergwanderern und deren relatives Herzinfarktris

 
 
 
Arabisch für Anfänger

Große Besprechung im großen Sitzungssaal. Zwei Abteilungen sollen fusionieren. Die bisherige Bezeichnung oder genauer gesagt Nummerierung war „römisch zwei“ (II) für die eine und „römisch vier“ (IV) f

 
 
 

Kommentare


bottom of page