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Geschichten (m)eines Lebens

Wer wie ich viel Zeit im Gebirge verbringt, sammelt mehr als nur Höhenmeter. Aber auch zurück im Tal, im Alltag, gibt es die eine oder andere Story, die uns zum Schmunzeln oder zum Nachdenken bringt. Mehr als ein halbes Jahrhundert an manchmal freiwilligem und viel häufiger unfreiwilligem Content. Die Situationen sind immer wirklich so passiert, nur die Protagonisten wurden manchmal - zu deren eigenem Schutz - etwas verändert. 

Eine Frau lehnt sich mit ausgestreckten Armen gegen einen Riesenbambus, der doppelt so hoch ist wie sie selbst

Manche Erlebnisse sind so komisch, dass man sie nicht für sich behalten sollte. Man muss sie einfach teilen. Lass uns gemeinsam drüber lachen.

Bergsteigerin seilt sich in senkrechter Wand ab. Im Hintergrund das Meer vor Schottland.

BETRACHTUNGEN

Oft genug zeigt uns das Leben, dass wir nicht die vollständige Kontrolle über alles haben. Hier findest du auch ernstere Themen, die mich gerade beschäftigen.

Sichelförmiger Mond am Nachthimmel

CASUALLYRIK

Meine Gedichte kommen aus dem Herzen und dem Bauch - zu einem aktuellen Anlass oder einem Erlebnis, das mich nicht mehr loslässt. 

  • aj
  • vor 4 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Nach dem Tod einer jungen Bergsteigerin im Januar 2025 am Stüdlgrat (Großglockner) - bzw. nach dem Prozess vor dem Landesgericht Innsbruck Anfang 2026 ist in den Sozialen Medien unter dem Hashtag "Alpine Divorce" (Anspielung auf die Kurzgeschichte "An Alpine Divorce" von Robert Barr, erschienen 1893) eine leidenschaftliche Debatte über das Zurücklassen von Bergpartnern entbrannt. In erster Linie sind es dabei Frauen, die von ihren männlichen Begleitern in gefährliche Situationen gebracht wurden.


Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht auf die "Züge" solcher populären Themen aufzuspringen, weil ich nur über Dinge schreiben möchte, die ich selbst erlebt habe - oder gerade erlebe - und bei denen ich deshalb auch tatsächlich mitreden kann, und zwar auf der Gefühlsebene. Harte Fakten zu recherchieren überlasse ich all jenen, die das von der Pike auf gelernt haben. Da fiel mir ein, dass ich ja auch schon mal einfach in den Bergen stehen gelassen wurde. Der Vorfall ist nun schon fast 30 Jahre her. Vermutlich hatte ich ihn auch irgendwie verdrängt. Dabei passierte es noch nicht mal mit einem (Ex-)Partner, sondern einfach mit einem Bekannten, mit dem ich bis zu diesem Vorfall ab und zu in die Berge ging.


Es war schon Herbst. Wir waren an einem knapp 3.600 Meter hohen Berg in den Grajischen Alpen (Aostatal, Italien) unterwegs. Da wir mit Schneefeldern rechneten, hatte ich meine steigeisenfesten Bergschuhe angezogen. Die waren damals, Mitte/Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts, noch ziemlich unbequem, zumindest die meinen. Sie bestanden, ähnlich der heutigen Tourenskischuhe, aus einem weichen Innenschuh und einer harten Außenschale aus Plastik.


Warum auch immer - zu viel und zu schweres Gepäck, zu spät gestartet, die dünne Luft... Jedenfalls mussten wir irgendwann einsehen, dass wir den Gipfel an diesem Tag nicht mehr so rechtzeitig erreichen würden, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder beim Auto gewesen wären. Also kehrten wir um 14.00 Uhr um. Ich weiß nicht, was es genau war. Vermutlich hatte ich meine supersteifen Schuhe zu fest gebunden. Jedenfalls schmerzten nach kurzer Zeit des Abstiegs meine Fußgelenke dermaßen, dass ich stehen blieb und nachschaute, was in der Plastikschale so los war. Als ich die Socken auszog, bin ich nicht schlecht erschrocken: Meine Sprunggelenke waren ganz blau, an jedem Fuß jeweils ein handtellergroßes Hämatom am Innenknöchel und ein ebensolches außen.


Mein Begleiter schaute sich das kurz aus ein paar Metern Entfernung an - und zack! Weg war er! Zuerst dachte ich noch, der wird sicher gleich an der nächsten Biegung auf irgendeinem Felsen sitzen und warten. Vielleicht war ihm der Anblick meiner Blutergüsse gerade zu viel. Aber weit gefehlt. Unter enormen Schmerzen musste ich den noch dreistündigen Abstieg ganz alleine bewältigen. Klar, er hätte mich nicht tragen können oder ähnliches, aber ein menschliches Wesen (im doppelten Sinne des Wortes), eine vertraute Person zum Ratschen, hätte den Abstieg bestimmt etwas erträglicher gemacht. Außerdem quälte mich drei Stunden lang die Frage, ob er denn wenigstens am Parkplatz auf mich warten würde - oder ob er bereits runter ins Tal und ins Hotel gefahren ist. Der Parkplatz lag auf 1.800 Metern. Nach Aosta runter wären es nochmals ein paar Stunden zu laufen gewesen. Außerdem hätte ich das ohnehin nicht mehr geschafft. Mir wäre nichts anderes übrig geblieben, als über die Auslandsauskunft ein TAXI-Unternehmen ausfindig zu machen - sofern ich mit meinem Handy ein Netz gehabt hätte - oder über den Notruf gleich die Bergrettung zu alarmieren.


Letztendlich saß er am Parkplatz, den ich bei einbrechender Dunkelheit erreichte, in seinem Auto und verstand gar nicht, warum ich ihm erst einmal so richtig die Meinung geigte. Ob und wie sehr ich in akuter Gefahr war, lässt sich rückblickend nicht mehr so genau sagen, da ich ja den Abstieg noch aus eigener Kraft bewältigen konnte. Aber es hätte auch anders ausgehen können. Ich hätte wegen der lädierten Knöchel auch noch zusätzlich stolpern können oder ähnliches. Und in schöner Erinnerung behalten hatte ich die Tour auf diese Weise ohnehin nicht - und den Bekannten auch nicht. - Als ich im Hotelzimmer meine geschundenen Knochen - und Knöchel - gerade in einem warmen Vollbad sortierte, ist ER allein Pizza-Essen gefahren. Ich ging hungrig zu Bett, aber ich war zumindest nicht allein: Ich hatte ja meine vier Mega-Blutergüsse... Tja, manchmal wird man sogar zweimal an einem Tag im Stich gelassen.


Ist euch sowas auch schon mal passiert? Wurdet ihr auch schon mal in den Bergen oder anderswo zurück gelassen? Wie akut wart ihr in Gefahr? Was war ggf. euer Anteil an der Situation? Was hat das für ein Gefühl bei euch ausgelöst? Und was hat das mit der Beziehung zu der Person gemacht, die euch das angetan hat?


Schreibt es mir gerne in die Kommentare, sobald dieses Feature funktioniert. Ihr könnt mir auch gerne direkt eine E-Mail schreiben an abc-chaoten@web.de. Alles streng vertraulich!

 
 
  • aj
  • vor 6 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Spätherbst in Kärnten. Bunte Blätter überall – einige noch an den Bäumen, die meisten jedoch bereits am Boden liegend. Wir hielten in einem stillen Örtchen am Ufer des Millstätter Sees auf einem Parkplatz mit öffentlicher Toilette an. Ich musste den Tee vom Frühstück „wegbringen“ und stieg gerade wieder ins Auto, als mein Partner und ich Zeugen eines durchaus amüsanten Schauspiels wurden:


Ein vollbesetzter Reisebus mit sächsischem Kennzeichen parkte neben uns vor der Toilettenanlage, um die Insassen, allesamt ältere Semester, aussteigen zu lassen. Ein besonders selbstsicher wirkender Herr, der sein Arbeitsleben augenscheinlich schon lange hinter sich lassen konnte, schritt voran, schnurstracks auf das metallene Drehkreuz zu. Letzteres ließ sich aber nicht von ihm bewegen. Schnell erkannte der gute Mann den Grund: Man musste zuerst 50 Cent in einen Schlitz einwerfen. Der Weitgereiste zückte also seine Geldbörse und warf den auf dem Automaten angeschriebenen zu bezahlenden Betrag in eben selbigen ein. Inzwischen kam eine weibliche Mitreisende, wahrscheinlich seine Frau, ebenfalls zu dem Drehkreuz und schaute sich fragend um. Der Mann zeigte ihr daraufhin, was sie tun müsse, um zur Toilette zu gelangen: Er drehte am Drehkreuz. - Wir konnten zwar den Dialog nicht vollständig hören, aber seine Handbewegung war recht eindeutig. Man könnte sie mit „Da, schau her, so geht das!“ übersetzen. Als nun die verdutzte Dame das soeben Erlernte in die Tat umsetzen und sich durchs Drehkreuz schlängeln wollte, drehte sich dieses selbstverständlich nicht – oder besser gesagt, nicht noch einmal, da der „Checker“ es ja zuvor zu Anschauungszwecken bereits leer durchgedreht hatte. Jetzt guckten alle beide ganz verdutzt drein. Das Schauspiel wiederholte sich noch zweimal.


Inzwischen wurde die Schlage hinter den beiden immer länger und länger. Wild gestikulierend erklärte der Mann den Wartenden, dass dieses dumme Drehkreuz einfach nicht einwandfrei funktioniere. Zum Beweis warf er nochmals 50 Cent ein – und wieder drehte er die Vorrichtung zunächst einmal leer durch, um den Mitreisenden anschließend vorführen zu können, dass dieses verdammte Ding wirklich niemanden einlässt…


Vor lauter Lachen hätte ich beinahe selber nochmal durchs Drehkreuz gemusst. Aber psst… Nicht weiter Sachsen!


 
 
  • aj
  • vor 7 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Mit Berg-Bekanntschaft Elke*) wurde ich regelrecht „verkuppelt“: Eine Arbeitskollegin erzählte mir, sie kenne da eine junge Frau, sehr sportlich, die würde gerne mit dem Bergsteigen anfangen. Leider habe sie niemanden, der sie mal mitnehmen könnte. - Da ich immer gerne neue Leute kennen lerne, erlaubte ich der Kollegin die Weitergabe meiner Kontaktdaten. Prompt wurde ich ein paar Tage später angerufen. Nach einem ersten Beschnuppern in einem Café und einer Testtour an einem mittelschweren Klettersteig, den Elke mit Bravour meisterte, fühlte ich, dass es nun an der Zeit wäre, sie mit auf eine erste einfache Klettertour zu nehmen. Auf eine sehr einfache wohlgemerkt, da ich ja noch nicht wusste, wie sie sich beim Sichern anstellen würde. Um kein Risiko einzugehen, suchte ich also eine Tour im Schwierigkeitsbereich bis maximal dem 3. UIAA-Grad aus, die ich notfalls auch seilfrei hätte gehen können.


Nach einiger Überlegung fiel die Wahl auf den Südgrat des Kleinen Barmsteins bei Marktschellenberg. Die Zusätze „Klettergartentour“ und „III-, meist II“ im Kletterführer ließen darauf schließen, dass keinerlei Probleme zu erwarten sind. Weit gefehlt...


An einem warmen, sonnigen Frühlingstag fuhren wir beide voller Tatendrang zu dem bei Kletterern bestens bekannten Parkplatz. Die anderen Aspiranten strebten nach Höherem bzw. Schwierigerem und hatten nicht den doch schon wirklich sehr einfachen Südgrat im Visier. Gut für uns. Bis zum Einstieg war es nur ein Katzensprung – dachte ich. Leider hatte in dem Jahr Wintersturm Cyril die Bäume derart kreuz und quer gelegt, dass der bekannte Weg zum Beginn der Route an diesem Tag - zumindest für mich - nicht mehr auffindbar war. Wir gingen deshalb stattdessen zum Ausläufer des Südgrates. Hier an den ersten Felsen wollten wir starten. Irgendwann würden wir dann schon auf die eigentliche Route treffen.


Nachdem wir unsere Klettergurte angezogen hatten, band ich zunächst Elke mit einem Achterknoten ins Seil ein. Anschließend baute ich ihr aus einer Schlinge an einem Baum einen Standplatz und hängte sie in die zugehörige Selbstsicherung. Dann band ich mich ebenfalls ins Seil ein und zeigte ihr Bandschlingen und Expressen. Ich erklärte ihr, dass ich dieses „Material“ jetzt in unregelmäßigen Abständen, immer da, wo sich gerade die Möglichkeit bietet, als Zwischensicherung einhängen würde. Bohrhaken gab es in den ersten Seillängen natürlich nicht, weil ja die offizielle Führe erst weiter oben bzw. weiter nördlich beginnt – und man sich noch teilweise im Gehgelände bewegt. Ich sagte ihr auch, dass sie bitte auf ihrem Weg alles abbauen möge, was nicht niet- und nagelfest ist, da wir die Bänder und Karabiner zum einen weiter oben noch brauchen würden und zum anderen das Zeug ja nicht gerade billig ist.


Sie war sich zwar etwas unsicher, ob sie denn auch alle Zwischensicherungen erkennen würde. Diese Bedenken konnte ich aber zerstreuen: „Wenn du vor einer Zwischensicherung stehst, merkst du das schon. Du kommst dann nämlich nicht mehr weiter, wenn du sie nicht aushängst, da das Seil durch den Karabiner der Express-Schlinge verläuft. - Wie gesagt: Bitte ALLES abbauen und mitbringen!“


Ich stieg los. Die erste Seillänge war nicht allzu schwierig, ein Einser mit Zweier-Stellen vielleicht, schöner fester Fels, die Sicherungen musste man – wie bereits beschrieben - selbst legen. Nachdem ich das 50-Meter-Seil fast ausgegangen war, fand ich einen schönen Standplatz an zwei festen Bäumen. Lehrbuchmäßig! Es folgte das Übliche: Standplatzbau, Selbstsicherung, Partnersicherung einhängen, Restseil einholen. Rufkontakt bestand leider nicht, da es an dem Tag ziemlich windig war. Aber wir hatten vereinbart, dass ich dreimal fest am Seil ziehe. Dies sollte für Elke das Zeichen für „Nachkommen“ sein. Ich zerrte also dreimal kräftig am Seil, wartete ein paar Minuten – Anfänger-Standplatzabbau-Zeitbonus – und fing dann an, das Seil langsam über die Sicherung einzuholen. Es lief recht gut, Elke war anscheinend sehr schnell unterwegs. Klar, die Route bot keinerlei Schwierigkeiten, zwischendurch Gehgelände, sie war eine Sportskanone... Was sollte also schief gehen?


Vor mir bildete sich ein immer größerer Seilhaufen. Gleich würde sie um die Ecke biegen... Aber was war das? Es bog tatsächlich etwas um die Ecke: Das andere Ende vom Seil – aufgeknotet! Allein! Keine Elke dran!


Ich war geschockt. Panisch schrie ich ihren Namen. Keine Antwort! – Als nächstes versuchte ich, mich selbst erstmal wieder zu beruhigen: Es gab keinen Seilruck oder ähnliches und das Gelände war nicht sonderlich exponiert. Abgestürzt konnte sie also nicht sein. - Ich rief noch einmal nach ihr. Wieder nichts. Da griff ich zum Handy und wählte ihre Nummer. Sie ging auch prompt ran und fragte gleich, ob sie jetzt endlich nachkommen dürfe. Auf meine Frage, warum sie nicht am Seil hängt, entgegnete sie: „Du hast gesagt, ich solle ALLES abbauen. Da dachte ich mir, diesen komischen Knoten vor meinem Bauch kann ich ja inzwischen schon mal aufmachen, während du kletterst.“ – Wir einigten uns dann darauf, dass sie seilfrei nachkommt. Das Gelände passte und sie traute es sich auch zu. Nach einigen Minuten stand sie bereits vor mir. Mein Material von den Zwischensicherungen hatte sie natürlich nicht mitgebracht… Oh je!


*) Name geändert


 
 
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