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Geschichten (m)eines Lebens

Wer wie ich viel Zeit im Gebirge verbringt, sammelt mehr als nur Höhenmeter. Aber auch zurück im Tal, im Alltag, gibt es die eine oder andere Story, die uns zum Schmunzeln oder zum Nachdenken bringt. Mehr als ein halbes Jahrhundert an manchmal freiwilligem und viel häufiger unfreiwilligem Content. Die Situationen sind immer wirklich so passiert, nur die Protagonisten wurden manchmal - zu deren eigenem Schutz - etwas verändert. ​

Eine Frau lehnt sich mit ausgestreckten Armen gegen einen Riesenbambus, der doppelt so hoch ist wie sie selbst

Manche Erlebnisse sind so komisch, dass man sie nicht für sich behalten sollte. Man muss sie einfach teilen. Lass uns gemeinsam drüber lachen.

Bergsteigerin seilt sich in senkrechter Wand ab. Im Hintergrund das Meer vor Schottland.

BETRACHTUNGEN

Oft genug zeigt uns das Leben, dass wir nicht die vollständige Kontrolle über alles haben. Hier findest du auch ernstere Themen, die mich gerade beschäftigen.

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CASUALLYRIK

Meine Gedichte kommen aus dem Herzen und dem Bauch - zu einem aktuellen Anlass oder einem Erlebnis, das mich nicht mehr loslässt. 

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Aktualisiert: vor 4 Tagen


Tag 13 – Skigebiete


Vom Skigebiet in Voss geht es heute entlang des Aurland- und Sognefjords weiter. Wir fahren durch den Laerdalstunnelen. Der ist mit 24,51 Kilometern der längste Straßentunnel der Welt. Wieder so ein norwegischer Superlativ, von dem man noch nie zuvor etwas gehört hat. Das ist fast so wie mit irgendwelchen chinesischen „Dörfern“, die mehrere Millionen Einwohner haben, aber deren Namen man bei uns nicht kennt. Und dabei kostet der Laerdalstunnel nicht mal Maut. In Norwegen wird für Brücken, Tunnel und besondere Streckenabschnitte nur solange eine Gebühr erhoben, bis die Baukosten von den Benutzern sozusagen gemeinsam abbezahlt sind. Das führt zu einer sehr hohen Akzeptanz der Maut in der Bevölkerung. Von diesem Beispiel, wie echtes Gemeinwesen funktioniert, könnte sich Deutschland mal eine Scheibe abschneiden, oder? - Ab heute brauche ich die Straßenkarte „Norwegen Mitte“, so weit sind wir inzwischen nach Norden vorgedrungen. Im Fjord liegt gerade ein Kreuzfahrtschiff vor Anker. Die ganze Zeit während der Planung sagte ich mir, dass ich mindestens einmal ein Kreuzfahrtschiff in einem Fjord fotografieren muss. Ganz so, wie man es von Postkarten, Bildbänden oder Reisedokus im Fernsehen kennt. Heute endlich ist es soweit. Juhu!

Wir fahren weiter und erreichen um die Mittagszeit Hemsedal, ein weiteres Skigebiet. Gleich nach der Jahrtausendwende war ich hier mal zwei Wochen zum Skifahren. Als ich die breiten und relativ flachen Pisten sehe, kommen schöne Erinnerungen hoch. Es ist heute sonnig, aber mit 16 Grad nicht sonderlich warm. Dazu weht ein eisiger Wind. Wir registrieren uns trotzdem online für die Via Ferrata ad Rögjin und warten brav am Parkplatz beim Hoteldorf, bis die geführten Gruppen alle losmarschiert sind und ab 14.00 Uhr auch wir starten dürfen. Mit 200 NOK pro Person ist der Steig eher einer der günstigeren – und wir sind total gespannt, was uns erwartet. Es soll zwei Varianten geben – die „Original ruta“ und eine schwierigere Variante. Wir suchen aber wieder erstmal eine halbe Stunde lang den Weg zum Einstieg. Das hat ja Methode: Man möchte, dass die Leute die Klettersteige mit einem Guide gehen. Den gibt es natürlich nicht geschenkt, aber der kennt wenigstens den Weg. Wenn man schon alleine geht, dann wird von einem auch erwartet, dass man den Weg im Gelände alleine findet. Ohne Beschilderung, ohne Markierung, nur mit einer kurzen Wortbeschreibung und vielleicht, mit etwas Glück, einem GPS-Track. In unseren Karten ist in den seltensten Fällen ein Pfad eingezeichnet, obwohl zum Beispiel in den Alpen jeder Wegweiser und jede Sitzbank in der Karte abgebildet ist. Und wenn man dann auch noch am falschen Parkplatz steht, ohne es zu merken...

Nachdem wir in einer Blumenwiese und zwei Vorgärten (Sorry!) vermeintlichen Spuren gefolgt sind, erwischen wir schließlich doch noch den richtigen Zu- und Einstieg. Wir stürzen uns gleich in die schwierigere Variante. Nachdem niemand mehr nach uns eingestiegen ist, gehen wir an den Weichen immer noch schnell die einfachere Variante runter und wieder rauf. Auf diese Weise können wir alle Seilmeter klettern und müssen uns nicht zwischen den beiden Routen entscheiden. Als Zugabe kraxle ich noch zwischen den Zelten des „Skysleeping“ umher und sehe mich ein wenig um. Mir drängt sich buchstäblich die Frage auf, wie und wo man hier aufs Klo geht. Bei diesem über die Klettersteig-Betreiber buchbaren Event schläft man - nach einem gemeinsamen Abendessen am Berg - in einem Portaledge, das in der senkrechten Felswand aufgehängt wurde. Von weitem sehen diese Hängezelte irgendwie aus wie Baumschwämme. Aber mal ganz abgesehen vom Preis für dieses Abenteuer – für mich wäre das nix! Mein nächtlicher Harndrang verhält sich direkt proportional zur Entfernung und Erreichbarkeit der Toilette. Wenn ich mir Bergschuhe und Klettergurt anziehen müsste, um zum Stillen Örtchen zu gelangen, kann ich gleich dort übernachten. Flasche, Tüte, Eimer? Noch schlimmer!...

Der Abstieg beginnt zwischen den beiden Gipfeln des Rögjin und führt auf einem teilweise versicherten Steig runter zum Hoteldorf und von da zurück zum Parkplatz. Im nur wenige Kilometer entfernten Ullsak ergattern wir einen Platz am schnuckligen Mini-Campingplatz

Elvely.


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Tag 14 – Explore so einiges


Von Ullsak geht es heute durch den Jotunheimen Nationalpark. Hier sind die richtig hohen Berge zu bestaunen, wenn man bei Zweitausendern von richtig hoch überhaupt sprechen darf. Aber da die Berge in Norwegen sich teilweise direkt aus den Fjorden erheben, ist der Höhenunterschied zwischen Berg und Tal oftmals sogar größer als in den Alpen.

Nach einem Zwischenstopp bei einer Stabkirche, die man ohne Eintritt besichtigen konnte, steuern wir als nächstes Ziel die Rezeption von „Explore Sjoa“ in der Nähe von – Überraschung! – Sjoa an. Hier sind wir die absolute Minderheit. Auf dem Campingplatz tummelt sich ein internationales Publikum von Raftern, Kajak- und Kanusportlern. Scheint ein richtiger Hotspot zu sein. Wir buchen trotzdem "nur" den Klettersteig für 300 NOK pro Person - und erhalten dafür eine genaue Wegbeschreibung zum Parkplatz. Auch heute sind wir wieder alleine im Steig, der so kurz ist, dass wir pro zehn Meter Drahtseil auf etwa einen Euro Kosten kommen. Außerdem hat es hier offenbar vor Kurzem noch geregnet und bei den aktuellen Temperaturen von unter 20 Grad sind die Felsen alles andere als trocken. Wie gut, dass der Steig nicht besonders schwierig ist. Die optionale Seilbrücke lassen wir ausfallen. Die Seile zum Festhalten sind in Hüfthöhe angebracht und da ist man dann nicht sonderlich stabil unterwegs. - Uns kann man es aber auch nie recht machen: Mal sind die Seile so hoch angebracht, dass wir fast nicht mehr rankommen, und auch die Arme des Klettersteigsets fast zu kurz und deshalb extrem auf Spannung sind, so dass man die Karabiner nicht mehr gescheit weiterschieben kann. Mal sind uns die Halteseile zu niedrig… Nach zweieinhalb Stunden checken wir an der Rezeption wieder aus, indem wir uns persönlich abmelden. Das wird aus Sicherheitsgründen so verlangt. Dass wir deren Seilbrücke richtig doof finden, behalten wir lieber für uns.

Zurück auf der Hauptstraße stehen wir plötzlich im Stau. Schwierig, wenn man keine norwegischen Radiodurchsagen versteht. „Tante Google“ zeigt uns an, dass es flüssig voran geht. Nach geschlagenen zwei Stunden Stillstand kapieren wir endlich auch warum: Fast alle Pkw haben bereits umgedreht, nur die Lkw stehen noch da. Zu wenige Fahrzeuge, als dass Google noch einen Stau erkennen würde. Die Fahrer der Trucks haben sich inzwischen zum Schlafen hingelegt, sie können auf der schmalen Bergstraße ohnehin nicht wenden. Mit unserem Sieben-Meter-Ungetüm ist es mit ein paarmal Rangieren machbar – und die Lücke ist ja inzwischen groß genug. Jetzt können wir die Straßensperre auf einer parallel verlaufenden Straße im Talgrund umfahren. Hätten wir das mal schon früher gemacht! Ob ein Unfall oder ein Felssturz der Grund für die Sperrung war, können wir nicht in Erfahrung bringen. Wir wissen nur, dass wir viel Zeit verloren haben. Diese Zeit fehlt uns jetzt, wo wir nach einem Platz zum Übernachten mitten in den Bergen suchen. Die besten Plätze sind natürlich bereits belegt. Irgendwo bei Grimsedal finden wir zwischen Büschen und Papiertaschentüchern – igitt! - noch eine Option. Mir ist etwas mulmig, weil wir einige Meter tiefer als die Straße, aber keine fünf Meter von dieser entfernt stehen. Ein Unfall genau auf Höhe unseres WoMos hätte auch für uns fatale Folgen. Aber eine Weiterfahrt, wenn der Fahrer übermüdet ist, vielleicht ebenfalls.


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Tag 15 - Vernebelt


Es ist wieder mal alles gut gegangen. Die schlimme Nacht an der lauten, weil vielbefahrenen Straße ist vorbei und wir sind bereit für neue Abenteuer. Wir fahren schnurstracks ins nebelverhangene Andalsnes und registrieren uns am Hafen für die Via Ferrata Romsdalsstigen, die aus mehreren Varianten besteht. Anschließend machen wir einen Stellplatz am nahegelegenen Campground klar, damit wir nicht gleich nochmal so eine abendliche Schlafplatz-Sucherei erleben müssen wie gestern. Auch ich möchte mal wieder ungestört und vor allem entspannt pennen können. - Mein Freund bekommt ja nachts ohnehin nichts mit.

Nachdem wir auf dem Langzeitparkplatz in Hafennähe zu Mittag gegessen und abermals ein Kreuzfahrtschiff fotografiert haben, starten wir unsere Wanderung durch den Ort zu den Einstiegen. Leider machen wir auch heute wieder den schon fast obligatorischen Umweg: Wir laufen versehentlich den Normalweg zu weit rauf und müssen dann eine ziemlich holprige Querung im Wald mit ein paar gesicherten Passagen – es ist eigentlich der Zustieg zu den Kletterfelsen – und etlichen Extra-Höhenmetern im Auf und Ab absolvieren. Aber kurze Zustiege kann ja jeder. Wir möchten schließlich was haben von unserer Nutzungsgebühr, die diesmal mit 300 NOK für so einen langen Steig im direkten Vergleich zu gestern eher günstig anmutet.

Am Einstieg entscheiden wir uns für die Vestveggen, die Westwand, welche vor Ort mit D bewertet ist. Das Ganze ist aber – bis auf eine einzige kurze Stelle – halb so wild und nach einer kurzweiligen Kraxelei und einer gemütlichen viertelstündigen Wanderung im Anschluss kommen wir bei der Bergstation der Romsdalsgondolen an. Hier oben ist es saukalt und der dichte Nebel legt sich auf alles und jeden. So sind wir bald nicht nur von innen nass geschwitzt, sondern auch von außen ziemlich feucht wegen der Nebelsuppe. Ich laufe noch die paar Höhenmeter rauf zum Gipfel des Nesaksla (715 Meter). Meinen Freund parke ich derweil im Freiluftkino. Es läuft – wie passend  - „Frozen II“. Auch ich friere. Wird Zeit, dass wir hier wegkommen. Ich stelle mich mal  blöd und frage den netten Herrn von der Gondelbahn, ob wir das Ticket direkt bei ihm oder am Automaten kaufen müssen. Er gibt mir den Tipp, dass die nächste Bahn um halb acht Uhr fährt und wir uns doch schon mal anstellen sollen. Der kleine E. möchte bitte aus dem "Friluftskino" abgeholt werden! - Ich zerre also meinen Freund weg von Elsa, Anna, Hans und Olaf - und wir ergattern sogar einen der vier Sitzplätze ganz vorne in der Gondel. So gelenkschonend schweben wir dem Hafen von Andalsnes entgegen.

Am Campingplatz ist unser Stromkabel zu kurz – oder die Steckdose zu weit weg, wie man´s nimmt. Mist! Darauf haben wir heute Vormittag beim Auswählen des Platzes nicht geachtet. Uns war wichtiger, dass wir spät abends nach unserer Bergtour nicht noch auf die Ausgleichskeile fahren müssen. Wir leihen uns eine Verlängerungstrommel von der Rezeption. Ich freue mich: Morgen früh endlich wieder mal mit 2000 Watt die Haare trocknen. Und wer weiß? Vielleicht läuft dann ja „Rapunzel – Neu verföhnt“ im Friluftskino von Andalsnes, 700 Meter hoch über dem Isfjord.


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Tag 16 – Grund und Abgrund


Von Andalsnes aus wagen wir uns mit unserem „Bobil“ auf die berühmt-berüchtigte Trollstigen. Die Passstraße hat ihren Ruf weg. Wir empfinden sie aber gar nicht so furchteinflößend. Vielleicht kann einen auch einfach in puncto Gebirgsstraßen nichts mehr erschüttern, wenn man Plöckenpass, Timmelsjoch und Großglockner-Hochalpenstraße schon zigmal gefahren ist. Die Straße selbst wäre auch nicht das Problem, wenn es nicht immer wieder Zeitgenossen geben würde, denen die Fahrerlaubnis anscheinend nach der 100. Fahrstunde aus reinem Mitleid ausgehändigt worden ist. Warum, fragen wir uns, kann man nicht wenigstens mal bei einer Ausweichstelle rechts ran fahren, wenn man schon eine kilometerlange Autoschlange hinter sich herzieht? Aber nein, diese Leute sind vermutlich so mit ihrem Fahrzeug und der Straßenführung beschäftigt, dass sie noch nicht mal mehr Zeit haben, um in den Rückspiegel zu schauen. Oh je!

Irgendwann bleibt aber auch der letzte „Schlangenzüchter“ mal stehen, um Fotos zu machen, und wir können endlich vorbeihuschen. Auf der Passhöhe ist netterweise ein großer Parkplatz, auf dem auch unser Sieben-Meter-Ungetüm noch hinpasst. Wir steigen aus und laufen mit hunderten anderer Menschen auch runter zu den Aussichtsplattformen. Von hier hat man einen schönen Blick auf die Trollstigen, zu pittoresken Wasserfällen und in den gähnenden Abgrund.

Weiter geht’s – heute zum ersten Mal auch mit einer Fährpassage - nach Loen. Der Ort liegt am Innvikfjord, einem Arm des Nordfjords. Hier wollen wir die gleichnamige Via Ferrata begehen. Ich sage es direkt: Der Klettersteig in Loen war überhaupt der Grund – oder besser - der Aufhänger der gesamten Reise. Hätte ich nicht ein Youtube Video über die Via Ferrata Loen bei „Berg auf“ gesehen, wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass es in Norwegen Klettersteige gibt, noch dazu so eigenartige, so schöne, so lange, so einsame, so spektakuläre und und und…

Zur Registrierung müssen wir in den Ort. Blöd, jetzt wo wir oberhalb der Seilbahn-Talstation nach zigmal Rangieren endlich in einer Parklücke stehen. Aber zum Laufen ist es viel zu weit. Wir beeilen uns, zahlen die für die Länge des Steiges günstigen 250 NOK pro Person Unterhaltungsgebühr und fahren zurück zum Parkplatz. - Manchmal klappt das mit den Bestellungen beim Universum: Unsere Parklücke von vorhin ist noch frei.

Um 16.00 Uhr starten wir. Der Zustieg ist lang und irgendwie macht uns auch heute wieder die Hitze zu schaffen, obwohl es laut Thermometer nur noch 20 Grad hat. Die dunklen Felsplatten strahlen aber eine Wärme ab, dass man sich in einem Backofen wähnt. Am Einstieg treffen wir einen schwedischen Finnen – oder einen finnischen Schweden. Der kräftige junge Mann erzählt uns jedenfalls, dass er Finne sei und jetzt in Schweden lebe – oder war es umgekehrt? Er lässt uns den Vortritt und wir verstehen bald auch warum. Der Steig kann was, die Felsen sind schon etwas abgespeckt von den vielen Begehungen und man muss öfter mal ganz schon fest zupacken und sich hochziehen. Und das, obwohl wir die Varianten so wählen, dass die Schwierigkeit nie über C/D hinaus geht. Mit dem „Ragnarok“, was soviel heißt wie „Urteil der Götter“, könnte man auch eine E/F-Variante wählen. Aber wir möchten die Norwegische Bergrettung nicht bemühen, uns aus der Wand pflücken zu müssen.

Im letzten Drittel kann man über die 120 Meter lange Gjölmunnebrua, eine Hängebrücke, rechts zu zwei weiteren Ausstiegsvarianten des Klettersteigs gelangen. „Gjölmunne“ heißt etwa so viel wie „Schluchtmündung“ - und man läuft hier ja auch 750 Meter über dem Meeresspiegel und 160 Meter über dem Abgrund. Ich mache das schnell einmal hin und zurück, weil wir gerne die Steigvariante links von der Brücke weiterverfolgen möchten. Hier gibt es nämlich – ähnlich wie am Donnerkogel in Gosau (Oberösterreich) eine 40 Meter hohe, etwa 45 Grad steile, freihängende Seilleiter mit 120 Stufen. Am Donnerkogel muss man ewig anstehen, bis jeder seine Insta-Drohnen-schaut-her-ich-bin-allein-auf-der-Brücke-Aufnahmen im Kasten hat. Hier haben wir die Leiter tatsächlich ganz für uns – auch ohne Drohne. So eine Gelegenheit kommt vielleicht nie wieder. Das Besteigen der „Stigull“-Seilleiter ist nicht schwierig und oberhalb geht es nochmals recht anregend durch die Felsen, bevor der Steig nach insgesamt 1.000 Höhenmetern im Wandergelände ausläuft. Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Gipfel des Hoven. Auf dem steht anstatt eines Gipfelkreuzes auf 1.011 Metern ein überdimensionales Hufeisen. Überglücklich, es geschafft zu haben, stolpern wir in die Bergstation der Gondelbahn. Wir leisten uns ein weiteres Mal einen knieschonenden Schnellabstieg. Der Loen Skylift bringt seine Gäste halbstündlich bis 23.30 Uhr abends ins Tal – und ist ganz nebenbei auch noch die steilste Pendelseilbahn der Welt!

Als wir von der Talstation fast auf Meereshöhe die paar Höhenmeter rauf zu unserem Parkplatz gehen, müssen wir beide herzhaft lachen. Wir haben das beim Losgehen in Richtung Berg gar nicht bemerkt: Unser Wohnmobil schwebt mit dem Hinterteil frei über dem Abgrund – so sieht es zumindest von unten aus. Ein Grund mehr, das Gefährt schnell aus seiner vermeintlich misslichen Lage zu befreien. Irgendwo in den Bergen des Strynefjellet finden wir einen schönen Platz zum Übernachten.


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Tag 17 – Volle Panne


Von unserem wunderbaren Übernachtungsplatz am Strynefjellet wollen wir heute zum Geirangerfjord fahren. Bereits der Weg dorthin ist einfach der pure Wahnsinn! Tiefblaue Seen, in denen sich Berge und Wolken spiegeln, säumen die Straße. Einer schöner als der andere. Um nur ja nichts zu übersehen, fahren wir diesen Streckenabschnitt gleich zweimal und saugen die zauberhafte Landschaft in uns auf. Die Bilder könnte man auch auf den Kopf stellen, es würde kaum auffallen, so klar ist das Spiegelbild. Schaut fast ein bisschen aus wie ein „Rorschachtest“, also diese eher pseudowissenschaftlichen Tintenklecksbilder…

Die Straße hinunter in den Fjord birgt dann einen weiteren norwegischen Superlativ: Man hat von hier den tiefsten Blick von einer Straße in einen Fjord.

Unten angekommen fahren wir direkt zum Parkplatz des Klettersteig- und Zipline-Parks von Explore Geiranger. An der Rezeption kann es der junge Mitarbeiter kaum fassen, dass wir „nur“ den Klettersteig gehen möchten und hierfür weder Guide noch Leihausrüstung benötigen. Weil wir so pflegeleicht sind, bekommen wir die Begehung geschenkt. Hatten wir so auch noch nicht. Ein herzliches Dankeschön dafür!

Der Klettersteig führt recht interessant an einer senkrechten Felswand entlang und über mehrere Seilbrücken. Man überquert einen tosenden Wasserfall, bevor die Via Ferrata in einem flachen Wäldchen ausläuft – und wir gemütlich zum Ausgangspunkt zurück schlendern. Jetzt noch schnell bis ganz runter in den Fjord fahren, zum Hafen, um auch wirklich sagen zu können, dass wir im berühmten Geirangerfjord waren.

Als mein Freund den Motor startet, leuchtet die Getriebekontroll-Lampe auf. Er versucht es noch einmal. Immer noch erscheint das rote Zahnrad mit dem Ausrufezeichen in der Mitte. Wir sind ratlos. Was sollen wir denn jetzt machen? Als erstes rufen wir bei der Vermieterfirma unserer fahrbaren Behausung an. Vielleicht haben die ja eine erste Einschätzung, ob wir mit der Warnleuchte weiterfahren können oder nicht. Wie bereits bei der defekten Trittstufe gewinnen wir auch diesmal nicht unbedingt den Eindruck, dass wir es mit Profis zu tun haben. Man empfiehlt uns, bei der Pannenhotline des Fahrzeugherstellers anzurufen. Super Idee – am Freitagnachmittag! Nach zehnminütiger Hotline-Warteschlangen-Einschlaf-Musik und etlichen Rückfragen heißt es, dass gleich jemand von den „Gelben Engeln“ Norwegens vorbei kommt und sich das Ganze mal vor Ort ansieht. Es kommt…genau... natürlich niemand! Wir warten Stunde um Stunde, aber weit und breit kein gelber oder sonst wie gefärbter Engel in Sicht. Zu allem buchstäblichen Überfluss macht unser Chemie-Klo bald genau das…, der Grauwasserbehälter auch - und im Frischwassertank sind nur noch etwa fünf bis zehn Liter. War so ja nicht geplant, dass wir hier festsitzen. Wenn das Häuschen nicht mehr fährt, wird es auch schnell als Wohnraum unbrauchbar, spätestens wenn alles überquillt. - Ich checke schon mal die Hotelpreise hier. Für schlappe 600 EURO pro Nacht könnte man sich über ein bekanntes Buchungsportal ein Zimmer im besten, weil einzigen Hotel des Ortes reservieren. Aber was zur Hölle sollen wir hier? Ein weiteres Mal laufen wir zum Parkscheinautomaten und werfen nach. Umgerechnet zehn EURO für zwei Stunden.

Endlich ruft uns jemand aus Sagined zurück. Keine Ahnung, wer gerade planloser agiert – die oder wir. Jedenfalls erhalten wir die Freigabe, bis zum Campingplatz unten am Hafen fahren zu dürfen. Juhu! Wenigstens kommen wir schon mal von diesem Parkplatz weg. Neben den hohen Kosten ist der nämlich ziemlich vermüllt - und inzwischen stehen wir hier vollkommen alleine. In der ganzen Aufregung fährt mein Freund beim Ausparken noch schnell rückwärts gegen einen Felsen. Aber das ist uns jetzt auch schon wurscht!

Wir rollen also vorsichtig die zwei Kilometer bis runter ans Meer. Schon von weitem sehe ich das Schild „fullt“, also voll. Aber wo sollen wir denn heute Abend sonst hin? Ich gehe in die „Resepsjon“ und erkläre denen unsere Notlage. Wir sind in Norwegen: Der Chef des Platzes persönlich fährt seinen amerikanischen Stromer zur Seite und fragt sogar für uns noch alle Betroffenen, ob es okay wäre, dass wir uns für eine Nacht direkt vor ihre Nase in die Durchfahrt stellen. Unter anderem kommt auf diese Weise ein sehr nettes Gespräch mit einer jungen vierköpfigen Familie aus der Schweiz zustande, die am nächsten Morgen nach Hause fahren will. Ja, FAHREN würden wir auch gerne. - Wir versuchen, erstmal ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Hoffentlich ist der Urlaub jetzt nicht vorbei...


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Fortsetzung folgt...

Wenn du wissen willst, wie es weitergeht, ob wir unsere Reise fortsetzen konnten und wie wir nach Hause gekommen sind, schau ab Mitte Oktober wieder rein.



 
 
 
aj
22. Aug.
6 Min. Lesezeit

Wenn früher in der Schule die Klassenkameradinnen von tollen Flugreisen in alle Welt erzählten, wurde ich immer ganz still. Ich schämte mich insgeheim dafür, dass meine Eltern mit uns – meinem zehn Jahre jüngeren Bruder und mir – in den Sommerferien wieder einmal „nur“ nach Österreich zum Wandern gefahren sind. Aus heutiger Sicht eine total verkehrte Welt, weil ich inzwischen jede freie Minute in den Bergen verbringe und mit Strandurlauben nicht mehr besonders viel anfangen kann. Ein, zwei Tage vielleicht, dann würde ich mich tödlich langweilen und ich wüsste nichts mehr mit mir anzufangen. Damals aber gab es immer Tränen, wenn wir nach zwei, drei Stunden Fahrzeit bereits an der schriftlich vorreservierten Frühstückspension in Oberbayern, Tirol oder Kärnten ankamen. Was konnte ich denn nach den Ferien da schon groß den Freundinnen erzählen? - Ein „Problem“, das sich heute vermutlich eins zu eins auf Markenklamotten und Smartphones übertragen ließe...


Aus diesem Grund gab es eine Abmachung in unserer Familie, ein Zugeständnis meiner Eltern an uns Kinder: Wenigstens jedes zweite Jahr verbrachten wir in den Sommerferien zwei Wochen am Meer. Und auch wenn meine Eltern bis heute noch in keinen Flieger gestiegen sind, so fuhren wir doch zumindest bis an die Adria oder einmal sogar bis Jütland ans dänische Kattegat. Hauptsache, nicht dieses langweilige Bergwandern!


1985 war es wieder mal soweit: Es ging an die Lidi di Comacchio in der Emilia Romangna, etwas nördlich von Ravenna. Hier waren wir schon ein paarmal und für meinen Bruder und mich war es immer das Highlight des Jahres. Manche Jahre rekrutierten meine Eltern noch eine weitere Familie mit Kindern aus der Nachbarschaft zum Mitkommen. Wir hatten einen Mordsspaß und waren zwischen flachem Meer und den damals noch nicht so verbreiteten Rutschenparks überhaupt nicht mehr aus dem Wasser zu kriegen. Aber auch die Geografie der Gegend war spannend. Die Orte mit den dazugehörigen Stränden befanden sich in einer riesigen Lagunenlandschaft, den Valli di Comacchio.


An einem ziemlich bewölkten Tag hatten mein damals sechsjähriger Bruder und ich Lust, mal auf der Landzunge in südliche Richtung zu laufen. Wir wollten sozusagen, das dortige „Ende der Welt“ erkunden. Wir schafften es auch tatsächlich, nach einem gemütlichen Spaziergang im Sand von etwa zwei Stunden ans südliche Ende des Strandes zu gelangen, dorthin wo nur noch ein wenige Meter breiter Streifen einen der großen Lagunenseen vom Meer trennt. Das war schon recht spannend, auf drei Seiten vom Wasser umgeben zu sein. Stolz und mit befriedigter Neugier machten wir uns auf den Rückweg. Wir nahmen denselben Weg zurück, den wir gekommen waren, immer direkt am Spülsaum entlang, wo der Sand fest und damit nicht so anstrengend zu laufen ist.


Doch was war das? „Schau mal!“ - Ich entdeckte es zuerst: „Die Wolke hat ja einen Rüssel!“ Sowas hatten wir beide noch nie gesehen. Sehr interessant! - Erst jetzt bemerkten wir, dass der Rüssel auf uns zukam. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, reifte erst mit einiger Zeitverzögerung in mir die Erkenntnis, dass wir direkt auf einen Tornado zusteuerten – oder besser gesagt, der Tornado auf uns! Fast zeitgleich begann ein ziemlich starker Wind zu wehen, die ersten Gegenstände, unachtsam weggeworfene Plastikflaschen, Zeitungen, Joghurtbecher usw. kamen waagrecht angeflogen und wir hatten unsere Mühe, diesen auszuweichen. Ich schrie nur noch „Renn!“ in Richtung meines Bruders. Dann schob ihn hinter mich, um ihn mit meinem Körper wenigstens ein bisschen vor dem Wind und den uns entgegenkommenden „Flugobjekten“ abzuschirmen. Durch den starken Wind sank die gefühlte Temperatur rasch ab und uns wurde ganz schön kalt. Wir hatten ja nur Bikini und Badehose an. Ich entschied, vom Wasser weg, mehr in Richtung der Gebäude zu laufen, da es so aussah, als ob der Rüssel eher über dem Wasser wäre. Jetzt wurden wir sandgestrahlt, weil der Wind den feinen trockenen Sand so sehr aufwirbelte. Ein kostenloses Peeling, auf das ich trotz meiner Pubertätsakne gut und gerne hätte verzichten können. Der Rüssel kam immer näher und drohte schon, uns den Weg zu unseren Liegen abzuschneiden. Wir waren jetzt so nah dran, dass man erkennen konnte, wie der Rüssel alles, was nicht niet und nagelfest war, in sich hinein und nach oben saugte, um es dann wieder „auszuspucken“. Spätestens als das hölzerne rot lackierte Boot der Rettungsschwimmer im Rüssel seine Runden drehte, um dann krachend am Boden zu zerschellen, bekam ich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Was, wenn die Eltern bei den Liegen ausharrten, weil sie dachten, wir würden dorthin zurück laufen? Dann würden wir vor dem Ferienbungalow stehen, kämen aber nicht rein, weil wir keinen Schlüssel hatten – und die Eltern wären weiterhin der Gefahr schutzlos ausgesetzt. Wir mussten also zuerst zu unserem „Platz“, um sicherzugehen, dass dort niemand mehr auf uns wartete.


Es ist erstaunlich, wie viel Kraft und Energie man in einer Notlage entwickelt – und ich war sehr stolz auf meinen kleinen Bruder, der – anders als sonst – ohne Diskussion auf seine große Schwester hörte und bereitwillig in meinem Windschatten hinten mir herrannte. Zum Glück war er ein sehr sportliches Kind.


Irgendwie hatten wir es geschafft, um den Rüssel herum und in die Nähe unserer gemieteten Liegen zu gelangen. Schon von weitem sah ich, dass sich dort niemand mehr aufhielt. Ich war erleichtert, dass die Eltern und die Nachbarsfamilie sich offenbar bereits in Sicherheit gebracht hatten. Jetzt konnten auch wir zusehen, dass wir vom Strand weg in Richtung der Bungalow-Anlagen kamen. Die Bungalows lagen in einem riesigen lichten Pinienwald. Der Wohnbereich stand ähnlich wie auf Stelzen auf zwei Mauern. Dieser Raum unter dem Haus war gleichzeitig der Carport – und die Bauweise hatte vermutlich auch bei Hochwasser einen großen Nutzen. Wir verließen die Straße, die vom Strand wegführte, und arbeiteten uns von Carport zu Carport, von schützender Wand zur nächsten vor, bis wir endlich vor „unserem“ Häuschen standen. Nur noch die Treppe rauf… Wir klopften wie wild an die gläserne Eingangstüre. Beinahe hätten wir sie eingeschlagen. Als meine Mutter die Tür öffnete, fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen. Jetzt waren wir wirklich ALLE in Sicherheit! - Meine Mutter schien ebenfalls sehr erleichtert zu sein, packte uns beide an den Armen und schob uns direkt unter die heiße Dusche. - Nach einer warmen Mahlzeit und einem Mittagsschlaf war für uns die Welt wieder in Ordnung.


Als wir am späteren Nachmittag wieder zum Strand gingen, sahen wir das ganze Ausmaß dessen, was der Wirbelsturm angerichtet hatte. Am Strand lagen die zerschellten Boote der Lifeguards. Es war eine Stimmung wie im Spätherbst: der Tornado hatte die Blätter von den Bäumen gerissen. Überall lag Plastik, Zeitungen, anderer Müll. Aber das war nichts gegen den Anblick, der sich in den Reihen bot, wo zuvor unsere Liegen gestanden hatten: Die Liegen oder was von ihnen übrig war, lagen kreuz und quer über den Strand verstreut. Die etwa 70 bis 80 Zentimeter hohen und im Boden verankerten Betonsäulen, in welche man die Sonnenschirme steckte, waren allesamt an der Geländekante umgeknickt wie Streichhölzer. Unser Liegenvermieter, dem auch der Kiosk gehörte, wo wir uns immer ein Eis kaufen durften, stand vor den Trümmern dessen, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Als wir zu ihm hingingen, weinte er bitterlich und zeigte auf das aus einer dicken Betondecke bestehende Dach seines Kiosks, das der Tornado einfach so abgehoben hat und das beim Herunterfallen in mehrere Teile zerbrochen ist. Es war kein schöner Anblick und zum ersten Mal in meinem jungen Leben wurde mir klar, was eine „Schneise der Verwüstung“ ist. Wir versuchten, den völlig aufgelösten Mann, der sehr gut deutsch sprach, irgendwie zu trösten, aber was sagt man jemandem, der gerade seine Existenzgrundlage in Schutt und Asche liegen sieht? Zum Glück hat es keine Todesopfer gegeben. Aber mir wurde jetzt erst so richtig bewusst, in welch gefährlicher Situation sich mein kleiner Bruder und ich tatsächlich befunden hatten.


Viele Jahre später fragte ich mal meine Mutter, ob sie sich denn keine Sorgen um uns gemacht hatte. Sie meinte nur, „Kind, ich habe darauf vertraut, dass du schon das Richtige tun würdest. Trotzdem war ich heilfroh, als ihr beide durchgefroren und sandgestrahlt vor der Tür gestanden seid.“ - Ich bin immer noch heilfroh, dass ich mir in der akuten Situation der ganzen Gefährlichkeit gar nicht vollständig bewusst war…


Ich poste diese Geschichte, die für uns damals ein Happy End hatte, gerade jetzt, weil sich auf Grund der klimatischen Veränderungen Tornados inzwischen auch in Deutschland immer mehr häufen und es auch immer wieder Todesopfer zu beklagen gibt. Wenn ich die Bilder der Verwüstung sehe, bin ich jedes Mal dankbar, wenn es nicht die eigene Region, das eigene Zuhause oder gar geliebte Menschen erwischt hat. Gleichzeitig ist man in Gedanken bei all jenen, die unmittelbar betroffen sind.



 
 
 

Aktualisiert: 4. Sept.


Tag 7 – Gute Tipps


Neuer Tag – neues Klettersteig-Glück! Gestern Abend haben wir eine junge Norwegerin mit ihrem Sohn kennengelernt. Sie machen mit dem Pkw gerade eine ähnliche Tour wie wir und klappern ebenfalls die Klettersteige im Süden Norwegens ab. Der Sohn ist 10 und ein richtig lieber Bub. Sie zeigt uns Bilder von ihren gemeinsamen Touren und ich sage ihr, wie stolz sie auf ihren mutigen Sohn sein kann. Das ist sie auch. Wir erfahren unter anderem, dass die Via Ferrata Migaren entgegen der Infos im Internet saniert wurde und wieder geöffnet ist.

Von Flekkefjord fahren wir also auf der kleinen Straße zum Jössingfjord und parken unweit des Einstiegs. Der Steig beschreibt einen Bogen an einer Felswand. Als Highlight quert man am höchsten Punkt einen Wasserfall. Prompt verheddere ich mich. Ich verheddere mich immer ausgerechnet dort, wo man am besten schnell weiterklettern sollte. Am liebsten an Wasserfällen oder auch gerne mal in Überhängen. An „normalen“ Stellen kann sich ja jeder verheddern. An blöden Stellen macht es viel mehr Spaß – zumindest für die Zuschauer. Ich muss also die Symbiose, die mein Klettersteigset gerade mit dem schlappen, nassen Drahtseil eingegangen ist, genau unter dem herablaufenden Wasserschwall entwirren. Als es mir endlich gelingt, bin ich bereits patschnass. Aber egal, es ist ja auch heute wieder recht warm und sonnig, wie bisher jeden Tag.

Trocknen kann ich auf der Fahrt zu unserem nächsten Ziel. Auch das ist ein Tipp der abenteuerlustigen Mama von gestern: Der Magma Geopark Gloppedalsura ist angeblich das größte Geröllfeld Nordeuropas und beherbergt ganz nebenbei auch eine Via Ferrata, die direkt neben der Straße beginnt und sich abwechselnd über die Felsbrocken oder unter ihnen hindurch schlängelt. Die Schwierigkeiten nehmen zum Ende hin zu und es macht uns einen Mordsspaß, das riesige Blockfeld kraxelnd und kriechend zu erkunden. Geotrail mal ganz anders!

Vom Geopark geht es weiter nach Eikeskog. Hier soll irgendwo die Via Ferrata Manafossen sein. Wir sehen aber nur einen großen Bauernhof und kehren um. Wo bitteschön soll hier ein Klettersteig sein? Es gibt an der Straße zurück ins Tal zwar einen Wasserfall, laut GPS-Karte ist das aber nicht der Manafossen. Wir diskutieren – und starten einen zweiten Anlauf. Diesmal fahren wir direkt zur Farm. Ein älterer Mann läuft gerade quer über den Hof. Ich lasse das Fenster runter: „Via Ferrata?“ Er spricht kein Englisch – und wir verstehen nur Bahnhof. Mit Händen und Füßen macht uns klar, dass wir ihm folgen und vor einer Stalltüre warten sollen. Ein paar Minuten später kommt ein junger Bursche, dessen Alter wir absolut nicht einschätzen können und schließt die Stalltüre auf, hinter der sich ein Büro befindet. Diesmal ist wieder ein Unterhaltungsbeitrag fällig. 275 NOK möchte der junge Mann haben. Angesichts der Tatsache, dass der Klettersteig auf eigene Kosten der Familie in die Felswand hinter dem Hof gezimmert wurde, geht das völlig in Ordnung. Den Beitrag von 120 NOK für den Migaren-Steig heute Morgen haben wir ohnehin geprellt, weil die Online-Überweisung nicht funktioniert hat. Psst!

Der zukünftige Hofbesitzer empfiehlt uns, die schwierigere Variante zu nehmen, was wir auch tun. Er hat allerdings nicht damit gerechnet, dass wir an Stelle des Wanderwegs die einfachere Variante des Klettersteigs als Abstieg benutzen. Da wir um die Uhrzeit allein im Steig sind, stört das niemanden. Hinterher kommen wir mit dem jungen Mann nochmal etwas länger ins Gespräch: Er erzählt uns, dass er vor Kurzem in der Schweiz war. Er schwärmt in den höchsten Tönen von der Alpenrepublik, besonders vom Wallis, weil dort die Berge so hoch sind. Und er träumt davon, einmal das Matterhorn zu besteigen. Der höchste Berg Norwegens, der Galdhöpiggen, ist „nur“ 2.469 Meter hoch. Dass die Zugspitze fast einen halben Kilometer höher ist, erstaunt ihn, weil er in Deutschland keinen Fast-Dreitausender vermutet hätte. Beim Bau des Klettersteigs habe er tatkräftig mitgearbeitet. Ein von ihnen engagierter Profi habe die Seile gesetzt und er selbst habe dann die Trittbügel eingebohrt. Bestimmt Knochenarbeit! Kein Wunder, dass der Kerl so dünn ist.

Wir dürfen auf dem Parkplatz unweit des Hofs umsonst übernachten, werfen aber trotzdem was in die Spendenbox. So eine private Klettersteig-Initiative muss einfach unterstützt werden. Und der Tipp mit der schwierigen Variante war für uns sowieso Gold wert. Endlich haben wir mal richtig zupacken müssen – oder besser: dürfen!



Tag 8 – Gegenverkehr


Wo wir schon mal hier sind, wollen wir am frühen Morgen zum Aussichtspunkt aufsteigen, von dem aus man den Manafossen sehen kann. Der Weg führt über Steinstufen und steile Felsplatten. Weiter oben helfen Ketten dabei, sich hochzuziehen. Es ist auch heute wieder ziemlich warm. Als wir bereits auf dem Rückweg sind, kommt uns eine ganze Kolonne von Menschen entgegen. Es sind Deutsche, die mit einem Bus hierher gekarrt wurden. Vermutlich Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes, die einen Landausflug gebucht haben. Dass Menschen in Gruppen rücksichtsloser sind, ist ja ein allgemein bekanntes Phänomen. Gerade kommen zwei ältere Damen auf mich zu, eine davon mit Teleskop-Wanderstöcken. Ich mache Platz, indem ich seitlich unterhalb des Weges ausweiche. Denke noch so bei mir, wie sie sich wohl mit den Stöcken in der Hand an den Ketten hochziehen will und ob die Stahlspitzen auf den steilen Granitplatten überhaupt Halt bieten… Da habe ich eine solche Stahlspitze auch schon im linken Oberarm stecken. Das hätte ins Auge gehen können! Die Dame indes stöckelt völlig unbeeindruckt weiter. Als ich laut „Aua!“ sage und ihr nachrufe, dass sie doch bitte etwas besser aufpassen möge mit ihren beiden Mordwaffen in den Händen, werde ich von ihrer fast ebenso alten Begleiterin auch noch dumm angemacht. Na super! Zweimal innerhalb von drei Tagen aufgespießt! - Ich ärgere mich noch weiter, während ich, zurück im Wohnmobil, den Bluterguss am Arm kühle und ein großes Pflaster auf den zum Glück recht glimpflichen Cut von der Stahlspitze klebe. Wenigstens hat mein Freund diesmal ALLES mitbekommen und die beiden „Golden Girls“ mit ihren „Falt-Krücken“ auch noch mal ordentlich zusammengefaltet.

Der nächste Zwischenstopp ist in Stavanger. Ich muss Pflaster kaufen. Meine Unfallanfälligkeit der letzten Tage hat unseren Vorrat fast aufgebraucht. Kurzer Produkt-Check: Norwegische Pflaster kleben nicht besonders gut. Auf diese Weise braucht man noch mehr davon. Perfekte Marketing-Strategie!

Bereits am frühen Nachmittag – echt, das haben wir zuvor noch nie geschafft – kommen wir am Campingplatz Preikestolen an. Wir genießen es, zum ersten Mal unsere im Mietpreis freundlicher Weise enthaltenen Campingstühle „einzuweihen“ und setzen uns zum Essen ins Freie. Leider haben hunderte von Mücken nur darauf gewartet... Und die tschechische Großfamilie in den Zelten schräg gegenüber hat offenbar gerade irgendein Event, weswegen alle eine halbe Stunde lang einfach nur wild durcheinander plärren müssen.

Egal, wir chillen noch ein bisschen, dann wird es ohnehin Zeit, sich auf den Weg zum Wanderparkplatz zu machen. Wir stellen unsere Stühle samt Tisch so hin, dass dies unmissverständlich als Platzreservierung erkennbar ist, und fahren die paar Kilometer auf der Passstraße zum großen oberen Parkplatz, dem Ausgangspunkt des Wanderweges zum Preikestolen.

Um 18.00 Uhr laufen wir los. Es ist jetzt zum Glück nicht mehr ganz so heiß. Die gut vier Kilometer und 500 Höhenmeter kommen recht abwechslungsreich daher. Nach ein paar steileren Abschnitten und einer Senke mit tiefblauen Seen, erreichen wir um halb acht bereits die Engstelle kurz vor dem eigentlichen Ziel. Da ist er, der berühmte Felsen, der nach drei Seiten senkrecht 604 Meter in den Lysefjord abbricht. Preikestolen heißt auf deutsch Predigtstuhl. Auf der etwa 25 mal 25 Meter großen Fläche tummeln sich die Leute. Für ein Foto muss man auch um diese Uhrzeit noch ein paar Minuten anstehen. Manche Wanderer gehen vor bis an die Kante, aber ich bleibe in einem sicheren Abstand stehen. Da sind mir einfach zu viele Menschen, euphorisch, das Ziel erreicht zu haben, vielleicht einen Augenblick unaufmerksam, wer weiß… Nein danke, so wichtig kann ein Foto gar nicht sein – und bei „Insta“ bin ich ja ohnehin (noch) nicht.

Irgendein Depp wirft kiloschwere Steine von der Kanzel in den Fjord. Ein mit gesunder Zivilcourage gesegneter Norweger nimmt ihm zuerst die Steine weg und erklärt ihm dann unmissverständlich, dass er mit dem Steinewerfen zum einen die Natur zerstört und zum anderen gegen norwegisches Recht verstößt. Bravo! Können diese Leute eigentlich nicht lesen geschweige denn Piktogramme verstehen? Oder glauben sie, dass Vorschriften für sie einfach nicht gelten? Ich bin jedenfalls nach dieser Szene erst recht heilfroh, nicht bis an die Kante gegangen zu sein. Der eine wirft „nur“ Steine runter, der nächste findet vielleicht was anderes... 

A propos „finden“: Wenn einen die vielen Mücken hier oben erst einmal gefunden haben, lassen sie einen so schnell nicht wieder los. Jeder bekommt hier seinen persönlichen Mückenschwarm als Begleitservice, den ganzen Weg zurück, runter zum Parkplatz. Die Viecher kriechen in jede Körperöffnung, die sie finden können. Ein Tuch vor Mund und Nase sowie eine enganliegende Sonnenbrille bringen etwas Linderung. Trotzdem ist das so nervig, dass das tolle Erlebnis, auf den Preikestolen gestiegen zu sein, buchstäblich ein bisschen verfliegt. Wenigstens hat sich damit aufgeklärt, warum bei unserem Start so viele Menschen mit FFP2- oder OP-Masken am Parkplatz rumgelaufen sind. Ich hatte schon Angst, dass wieder irgendein Virus ausgebrochen ist und uns niemand Bescheid gesagt hat.

Um halb elf Uhr abends sind wir wieder am Parkplatz. Ein paar von den Mücken kommen noch mit ins Wohnmobil und fahren mit uns zurück zum Campingplatz, wo uns unsere Reservierungs-Stühle schon sehnsüchtig erwarten. Wie aus dem Nichts fängt es auf einmal heftig an zu regnen. Ich denke gerade an all die jungen Leuten, die uns beim Abstieg mit großen Rucksäcken, Schlafsack und Isomatte entgegen gekommen sind. Bestimmt wollten sie am Preikestolen übernachten und in ein paar Stunden den Sonnenaufgang bewundern. Daraus wird in dieser Nacht leider nichts.



Tag 9 – Regentag


Es hat die ganze Nacht durch geregnet. Und es regnet immer noch. Zurück nach Stavanger fahren wir wieder durch den Ryfylke-Tunnelen. Wir sind auch bereits gestern auf dem Weg zum Preikestolen durchgefahren, haben dies aber in der ganzen Vorfreude gar nicht so richtig mitbekommen. Der Ryfylke-Tunnel ist knapp 14,4 Kilometer lang und damit aktuell der längste Unterwasser-Straßentunnel der Welt. Außerdem taucht er bis zu 292 Meter unter dem Horgefjord ab und ist somit zugleich der tiefste Straßentunnel der Welt. Zwei Superlative auf einmal! Die Durchfahrt dauert circa 12 Minuten und ist ein Erlebnis für sich. Auf halber Strecke ist ein hallenartiger Raum in tiefblaues indirektes Licht gehüllt. Eine Kunstinstallation, die klaustrophobische Ängste abbauen und die Durchfahrenden bei Laune halten soll. Man hat auf diesem Abschnitt den Eindruck, über eine Brücke mit Geländer zu fahren. Der Tunnel ersetzt seit seiner Eröffnung Ende 2019 gleich zwei Fährverbindungen. Seine beiden Weltrekorde darf der Ryfylke-Tunnel voraussichtlich noch bis 2033 behalten. Dann soll etwas weiter nördlich der Rogfast-Tunnel mit 392 Metern Tiefe und 27 Kilometern Länge fertiggestellt sein. Wir sind jedenfalls froh, nach nicht ganz einer Viertelstunde Fahrt durch die Unterwelt wieder ans Tageslicht zu kommen, obwohl es draußen immer noch regnet.

Die Landschaft ist sogar bei Regen großartig, wenngleich die hunderte von Seen, an denen wir vorbeikommen, bestimmt noch schöner gewesen wären, hätte sich der blaue Himmel in ihnen gespiegelt. Schafe, die bei dem Sauwetter lieber mitten auf der Straße laufen als im nassen Gras, verzögern immer wieder unser Vorankommen. Gleichzeitig sind sie auch eine willkommene Abwechslung - und ein total süßes Fotomotiv. Wer könnte diesen „woolly animals“ da böse sein?  

Durch alle möglichen unaussprechlichen „-fjells“ und „-dalen“ fahren wir weiter ins Setesdal nach Brokke, einem bei Norwegern bekannten Skiort. Dort hauen wir uns erstmal aufs Ohr. Es strengt an, den ganzen Tag im Regen Strecke zu machen – auch als Beifahrerin. Abends starten wir dann noch zu einer Rundfahrt durch das gesamte Skiresort und checken unsere Ziele für die nächsten Tage aus, bevor wir es uns auf einem Kiesplatz gegenüber der Talstation zwischen mehreren anderen Wohnmobilen und Campervans gemütlich machen.



Tag 10 - Windig


Bereits in der Nacht hat es aufgehört zu regnen. Dafür heult seitdem ein stürmischer Nordwind durch alle Ritzen. Wir fragen uns, ob man bei so einem starken Wind überhaupt draußen unterwegs sein sollte - oder ob das nur Lebensmüde tun würden. Da habe ich die Idee, dass wir einen Klettersteig bräuchten, bei dem die Wand nach Süden ausgerichtet ist. Nach meinen „Berechnungen“ müsste es dort dann relativ windstill sein. Wir fahren also von der Alpinstasjon Brokke die paar Kilometer nach Valle, um meine Theorie an der Via Ferrata Nomelandsfjell gleich mal einem Praxistext zu unterziehen. Dafür laufen wir zunächst fünf Minuten durch den Wald zum Einstieg. Mein Freund ist total überrascht, dass sich dort wirklich kaum ein Lüftchen regt. Ich grinse innerlich, weil alles so klappt wie insgeheim gedacht. Oder wie Hannibal Smith in „Das A-Team“ - die Älteren unter uns erinnern sich - immer zu sagen pflegte: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Zurück bei unserem mobilen Häuschen registrieren wir uns online und überweisen die 490 NOK pro Person Nutzungsgebühr an die Outdoor-Firma, die den Klettersteig betreut. Danach packen wir unsere Ausrüstung, warten auf die Freigabe und gehen erneut zum Einstieg. Wäre schön blöd gewesen, wenn der Wind inzwischen gedreht hätte.

Der Klettersteig hat eine sehr schwierige Variante mit zwei langen und heftigen Überhängen. Da hätte ich richtig Bock drauf gehabt. Nur leider steht mir eine popelige Felsstufe im Weg, die noch nicht mal zu den eigentlichen Schwierigkeiten zählt. Ich bin einfach zu klein!

Kraxel-Zwerg… Mein Freund versucht es noch mit einer Räuberleiter, aber das sind so Fallen, die man sich lieber nicht stellen sollte: Wenn man aus eigener Kraft nicht über eine Stelle drüber kommt, soll es einfach nicht sein. Oftmals ist das von den Erbauern sogar beabsichtigt, weil weiter oben noch so eine Stelle kommt. Wir begnügen uns deshalb mit der einfacheren Variante, die auch großen Spaß macht. Hinter uns kommt eine fünfköpfige Familie schnell näher. Es sind Norweger, die über die extremen Passagen nur so drüberhuschen. Respekt! Dafür treffen wir auf unserer Route einen Troll – leider ist der nur aus Plastik.

Oben am Ausstieg liegt mal wieder ein See. Wir verweilen ein wenig und machen uns dann an den Abstieg. Der führt vorbei am Parkplatz Honnevje. Der Parkplatz scheint was ganz Besonderes zu sein. Wir können von oben bereits sehen, dass er ziemlich voll ist. Offenbar legen viele Leute dort einen Zwischenstopp ein. Als wir selber unten ankommen, verstehen wir auch warum: Es ist einfach wunderschön hier! Felsplatten, die gerade mal ein paar Zentimeter vom Wasser überströmt werden, kleine Wasserfälle, ausgewaschene Blöcke im Wasser, auf denen man hüpfend den Fluss überqueren kann und kleine Aussichtsinseln. Sogar eine Badeleiter gibt es – von abgehärteten Norwegern wird diese durchaus frequentiert. Wir genießen diese tolle natürliche Wasser- und Badelandschaft ausgiebig, bevor wir den Rest des Weges an der Hauptstraße entlang, zurück zu unserem Klettersteig-Parkplatz laufen. Anschließend fahren wir, an Brokke vorbei, in südliche Richtung und checken bei Helle Camping in Hedde am Automaten ein.



Tag 11 – Am längsten


Nach dem Frühstück laufen wir zum Campingplatz-Büro und bezahlen den Stellplatz für eine zweite Nacht sowie den Unterhaltungsbeitrag von 600 NOK pro Person für die Via Ferrata Straumsfjell beim Chef persönlich. Dafür gibt’s allerlei Tipps für die Begehung des Klettersteigs und die Info, dass er – der Chef - heute seinen freien Tag hat. Er fährt gleich in die Stadt und kann uns leider nicht mit dem Boot über den Fluss bringen. Wir sollen stattdessen mit dem Wohnmobil über eine Brücke zu einem Parkplatz bei einem Werksgebäude auf der anderen Uferseite fahren und von dort aus etwa zwei Kilometer weiter zum Ausgangspunkt laufen. Na supi! Der Preis bleibt derselbe, nur die Serviceleistungen bekommen gerade ein Downgrade. Memo an mich: samstags kein Bootsverkehr im Setesdal. Wie nett, dass es heute zu allem Überfluss mal wieder ungewöhnlich warm ist.

Wir stellen also ein weiteres Mal unsere Stühlchen raus, damit niemand unseren Stellplatz belegt. Typisch Deutsch halt – aber ein Handtuch war gerade nicht verfügbar! Der Zweck heiligt die Mittel. Wer weiß, wann wir zurück kommen. Der Straumsfjell Klettersteig soll mit seinen 1500 Metern Kletterstrecke der längste in ganz Nordeuropa sein. Mein Freund ist skeptisch, ob wir das überhaupt schaffen.

Zuerst einmal müssen wir den Parkplatz finden. Wir fahren mehrmals die Straße am gegenüber liegenden Ufer auf und ab, bis wir endlich den beschriebenen Kiesplatz vorfinden. Von dort aus laufen wir dann zwischen Bauernhöfen zum Waldrand. Nun möchte man meinen, dass hier Spuren darauf hindeuten könnten, wo es weitergeht. Aber nein, sowas gibt es hier offenbar nicht. Drei Norweger, zwei Männer und eine junge Frau, laufen an uns vorbei. Sie grüßen freundlich, sind aber sichtlich in Eile. Ich bin mir sicher, dass auch sie den Zustieg suchen, möchte mich aber nicht aufdrängen. Und sie wiederum haben vermutlich erst gar nicht angenommen, dass wir ebenfalls den Klettersteig gehen wollen. Vielleicht schauen wir einfach nicht besonders sportlich aus mit unseren langen Berghosen und den großen Rucksäcken. Eher wie Weitwanderer vielleicht, nicht wie Leute, die sich in der Vertikalen wohlfühlen.

Nach etwa einer halben Stunde komme ich auf die Idee, dass der Zustieg am Flussufer beginnen könnte, weil man ja normalerweise vom Campground mit dem Boot dorthin fährt. Wir gehen also den gesamten Waldrand entlang bis zu dem Punkt, wo der Wald direkt ans Flussufer heran reicht. Und siehe da, da ist er ja und sagt nichts, der Zustieg! Da hätte ich aber auch früher drauf kommen können.

Ziemlich rau und nicht ohne weitere kleine Verhauer geht es hinauf zum Einstieg. Auch hier ist man in ständiger Begleitung unzähliger winziger Mücken. Oben am Einstieg treffen wir wieder auf die Norweger. Die sind querfeldein über ein Blockfeld im Wald gekraxelt und wollen gerade in die Via Ferrata einsteigen. Aber nicht, ohne uns vorher noch schnell zu erzählen, wie bescheiden die von ihnen gewählte Zustiegsvariante war. Erst als ich im Gegenzug berichte, dass die unsere und damit der reguläre Weg auch nicht besser war, ziehen sie erleichtert los. Während wir uns noch unsere Ausrüstung anziehen und das letzte Angst-Pipi wegbringen, klettern die Norweger bereits die Einstiegswand hinauf. Schon nach ein paar Metern kommt die junge Frau zum ersten Mal an ihre Grenzen. Der vorauskletternde ältere Mann gibt ihr technische Tipps, der hinter ihr kletternde jüngere Mann, der auch den einzigen Rucksack der Gruppe trägt, redet ihr gut zu. Nach etwa 30 Metern bleiben die drei auf einem Band stehen und warten auf uns, um uns vorbei zu lassen. Wir wechseln ein paar aufmunternde Worte, schieben alles auf die Hitze, gehen davon aus, dass wir uns noch ein paar Mal treffen werden und versichern uns gegenseitig, dass die schnellere Gruppe jederzeit den Vortritt erhält.

Die nächste Zusammenkunft ist bei einer Stelle mit gestuften Felsen, die „Restaurant“ genannt wird. Hier hat man die erste Schlüsselstelle bereits hinter sich und es gibt etwas Schatten. Wir machen eine längere Keks-Pause und die Norweger schließen zu uns auf. Sie sind alle drei schon ziemlich ausgepowert. Mein Freund verteilt Traubenzucker mit Coffein. Den jüngeren Mann können wir gerade noch davon abhalten, dass er sich die Dextrose samt Plastikfolie reinzieht.

Wir sprechen uns kurz ab, wer als erstes weitergeht. Die Norweger lassen uns erneut den Vortritt und wir hängen sie immer weiter ab. Die zweite Schlüsselstelle ist noch krasser als die erste, wenngleich technisch einfacher. Man muss nicht groß überlegen und braucht einfach nur jede Menge Armkraft. Jetzt ist es noch ungefähr eine halbe Stunde bis zum Ausstieg. Ich bin erleichtert, als ich am Top die übliche Gapahuk sehe. Meinen Freund plagen bereits Krämpfe in den Unterarmen und es wird langsam Zeit, dass der Steig ein Ende nimmt. Tja, umsonst ist es nicht der Längste Nordeuropas. So ein besonderes Erlebnis wird einem halt nicht geschenkt.

Wir sitzen schon mindestens eine halbe Stunde in der Hütte und wollen gerade nachsehen, wo der Abstiegsweg beginnt, da kommen die Norweger über die Kante auf uns zu. Die drei sind völlig am Ende. Der junge Mann schlägt sich gegen die Unterarme und erzählt sofort, dass er absolut keine Kraft mehr hat und vor der letzten Schlüsselstelle sogar den Rucksack zurücklassen musste, um überhaupt noch weiter klettern zu können. Auch von den anderen hatte niemand mehr die Kraft, den Rucksack zu übernehmen. Ich überlege kurz, ob ich das Ding holen gehen soll, habe aber dann doch Bedenken, ob ich die Passagen der letzten halben Stunde einschließlich der schwierigsten Stelle noch einmal runter und wieder rauf klettern könnte – und lasse es bleiben, auch im Hinblick auf den bevorstehenden langen Abstieg. Der Mann erklärt uns dann, dass sie aus Kristiansand sind und hier die Familie des Bruders lebt. Irgendjemand, so seine Hoffnung, wird den Rucksack in den nächsten Tagen schon mitnehmen.

Beim Abstieg sind uns die großgewachsenen und drahtigen Norweger dann haushoch überlegen und wir verabschieden uns ein letztes Mal. - Stundenlang rutschen und stolpern wir durch Matsch, über Wurzeln und hohe Steinstufen, aber nicht, ohne vorher als Zugabe etwas unterhalb der Hochfläche 20 Minuten im Kreis zu gehen. Einmal Verlaufen pro Strecke muss sein! Den am Abstiegsweg liegenden Mini-Klettersteig zu einem Klemmblock lassen wir links – oder besser gesagt recht – liegen. Keine Extrameter mehr heute! Wobei, kurz überlegt habe ich schon… Wäre echt ein cooles Foto gewesen!

Völlig fertig, aber überglücklich, erreichen wir neun Stunden nach dem Start unser Wohnmobil, mit dem wir komfortabel zurück zum Campingplatz gelangen. Die anderen Gäste grillen gerade ihre frisch geangelten Fische fürs Abendessen oder werfen Stöckchen für den Hund. Wenn die wüssten… In dieser Nacht schlafen wir besonders tief und fest.



Tag 12 – Fjorden im Norden


Wir verabschieden uns vom Campingplatz-Boss in Hedde und setzen unsere geplante Route nach Norden fort. Um die Mittagszeit erreichen wir Akkrafjorden. Die Registrierung für die Via Ferrata Ingadalen, der kleinen Schwester der viel längeren Kyrkjeveggen – auf deutsch Kirchenmauer – hat laut Internet im Akkrafjorden Nature B&B zu erfolgen. Wir gehen ins Gebäude und werden prompt gefragt, ob wir uns lediglich ein bisschen in der Eingangshalle umsehen wollen. Nein, wir möchten den Klettersteig gehen. Die eine Mitarbeiterin ruft ihrer Kollegin im Nebenraum auf norwegisch etwas zu, das sich anhört wie „Stell dir mal vor, diese beiden wollen den Klettersteig gehen.“ Man hört leises Gekicher aus dem Backoffice, während uns die „Resepsjonist“ etwas ungläubig-mitleidig von oben bis unten mustert. Oh je, sehen wir wirklich so alt und ungelenk aus? Haben wir auf unserer Reise zugenommen? Oder was ist euer verdammtes Problem? - Als ich ihr erkläre, dass wir die Via Ferrata Ingadalen gehen möchten, entspannt sich ihr Gesichtsausdruck. - Aha, sie dachte wohl, wir wollen heute noch die „Kirchenmauer“ erklimmen.

Man erklärt uns, dass wir auf rote Plastikbändchen an Bäumen als Markierung achten sollen und durch einen alten Wasserdurchlass unter der Straße müssen, um zum Einstieg zu gelangen. Der Klettersteig ist zwar stellenweise nass, aber nicht schwierig, und wir sind - wie meistens - allein im Steig unterwegs. Beim Abstieg verlaufen wir uns mal wieder. Das ist ja inzwischen schon Tradition. Da der Weg, den wir fälschlicher Weise einschlagen, besser ausgetreten ist wie der eigentliche Abstiegspfad, ist das vor uns wohl auch schon vielen anderen passiert. Dass man falsch ist, merkt man irgendwann, weil man dann vor einem senkrechten Abbruch steht. Können die für 300 NOK Gebühr pro Person denn hier keine Schilder aufstellen?

Bereits nach zwei kurzweiligen Stunden sind wir wieder bei unserem fahrbaren Untersatz. Wir kehren zurück auf die Riksvei 13, die Nationalstraße Nr. 13 und erreichen nach kurzer Zeit etwas nördlich von Odda den kleinen Ort Tyssedal. Hier könnte man eine Tour zur berühmten Trolltunga buchen. Als ich die Autoschlangen und Menschenmassen sehe, vergeht mir jegliche Lust, sich das Ganze aus der Nähe auch nur anzuschauen, geschweige denn mich so einer geführten Gruppe anzuschließen. Blitzschnell disponieren wir um und lassen Tyssedal ausfallen. Wir fahren durch etliche Tunnel und über die Hardangerbrücke. Die Landschaft ist einfach unbeschreiblich. Am Abend erreichen wir Voss, einen weiteren großen Skiort. Man möchte meinen, dass auf den riesigen Parkplätzen, die im Sommer niemand braucht, ein Wohnmobil für eine Nacht nicht stören würde. Aber überall ist entweder Parkverbot für Wohnmobile oder eine Baustelle - oder irgendjemand schaut total böse drein, als wir vorbeifahren. Wir stellen uns nach einigem Herumkurven auf einen Platz am Waldrand, auf halber Höhe zwischen Hüttenresort und Skilift-Talstation. Auch hier, wo sich Fuchs und Hase - oder vielleicht auch Elch und Rentier – gute Nacht sagen, muss man mittels einer Park-App noch eine Gebühr entrichten. Dafür sind wir ganz alleine und erleben Natur pur. - Ehrlich gesagt hasse ich solche abgelegenen Plätze zum Übernachten. Aber wir sind ja in Norwegen... 



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Weiter geht´s mit Teil 3

 
 
 
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