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Geschichten (m)eines Lebens

Wer wie ich viel Zeit im Gebirge verbringt, sammelt mehr als nur Höhenmeter. Aber auch zurück im Tal, im Alltag, gibt es die eine oder andere Story, die uns zum Schmunzeln oder zum Nachdenken bringt. Mehr als ein halbes Jahrhundert an manchmal freiwilligem und viel häufiger unfreiwilligem Content. Die Situationen sind immer wirklich so passiert, nur die Protagonisten wurden manchmal - zu deren eigenem Schutz - etwas verändert. 

Eine Frau lehnt sich mit ausgestreckten Armen gegen einen Riesenbambus, der doppelt so hoch ist wie sie selbst

Manche Erlebnisse sind so komisch, dass man sie nicht für sich behalten sollte. Man muss sie einfach teilen. Lass uns gemeinsam drüber lachen.

Bergsteigerin seilt sich in senkrechter Wand ab. Im Hintergrund das Meer vor Schottland.

BETRACHTUNGEN

Oft genug zeigt uns das Leben, dass wir nicht die vollständige Kontrolle über alles haben. Hier findest du auch ernstere Themen, die mich gerade beschäftigen.

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CASUALLYRIK

Meine Gedichte kommen aus dem Herzen und dem Bauch - zu einem aktuellen Anlass oder einem Erlebnis, das mich nicht mehr loslässt. 

  • aj
  • vor 2 Tagen
  • 1 Min. Lesezeit

Zwischen Kristiansand und Kristiansund -

Gedanken einer Norwegen-Reise


Eines gleich vorneweg: Dies hier wird kein Reise-Blog über Norwegen. Das können andere besser. Außerdem bin ich weit davon entfernt, eine Norwegen-Spezialistin zu sein. Meine Norwegen-Aufenthalte schaffen zusammengerechnet nicht mal ganz zwei Monate. Wenn ihr also wissen wollt, wo man am besten seine Gasflaschen tauscht: wir mussten aufgrund des Wetters nicht heizen und hätten uns stattdessen lieber eine Stand-Klimaanlage im Wohnmobil gewünscht. Wie ihr am besten mit der Fähre von Aborg nach Besand kommt oder ob der Weg von Cevik nach Defjell an der Küste oder durch die Berge schöner ist? Keine Ahnung! Wer aber Lust hat, über einen Roadtrip von Klettersteig zu Klettersteig in Südnorwegen zu lesen, ist hier genau richtig. Apropos Südnorwegen - wo genau ist das eigentlich? Ich finde ja, dass Norwegen auf der Landkarte ein bisschen aussieht wie eine Kaulquappe - oder ein... Nein, diesen Vergleich erspare ich euch! Wir sind dann also quasi im Köpfchen umhergekurvt. Wobei "Köpfchen" etwas untertrieben ist, das Land ist noch größer als man erwartet und man kommt auf den häufig nur einspurigen Straßen einfach nicht vom Fleck.

 
 
 
  • aj
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Karola* habe ich Anfang der 2000er in einem Eiskletter-Camp in Südtirol kennengelernt. Veranstaltet hatte das Camp die Alpinschule Südtirol von Hans Kammerlander. Wir waren Schwestern im Leid, da wir beide noch lange etwas von dem Camp hatten. Nämlich sehr schmerzhafte Verletzungen der Fingerknöchel an beiden Händen. Die Schäfte der von der Alpinschule zur Verfügung gestellten Eisgeräte waren damals noch kerzengerade – heute verwendet man moderne, ergonomisch geformte Geräte, an denen man sich wie an einer Türklinke festhalten kann – und die meistens einen zusätzlichen Anprallschutz für die Hände haben. Mit den geraden Schäften jedoch konnte es je nach Können, Erfahrung und Technik mehrmals am Tag passieren, dass man beim Schlagen mit den Knöcheln ans Eis donnerte, zumal wenn dieses recht unregelmäßig aufgebaut war. Besonderen „Spaß“ bereitete hier das sogenannte Blumenkohleis, das genau so aussieht, wie sein Name es vermuten lässt. Jedenfalls hatten wir auch Wochen nach dem Camp noch mit unseren Prellungen und Blutergüssen zu kämpfen und bei uns beiden wurde jeweils der Mittelfinger einer Hand vorübergehend steif. Ob dies in Zukunft für gewisse Gesten von Vorteil gewesen wäre… wer weiß. Wir zogen es vor, die lästige Bewegungseinschränkung mit einem Physiotherapeuten buchstäblich wieder in den Griff zu bekommen.


Inzwischen hat Karola Deutschland den Rücken gekehrt und lebt in einem arabischen Land als Zweitfrau eines renommierten Arztes.


Vorher wollte sie aber noch den höchsten Berg der Republik, die Zugspitze, mit 2.962 Metern, besteigen. Soviel Heimatverbundenheit muss sein! Und natürlich fährt eine echte Alpinistin nicht einfach mit der Seilbahn rauf und läuft dann die paar Meter rüber zum Gipfel. - Damals gab es nur ein einziges Gipfelkreuz auf Deutschlands höchstem Punkt. Von einem witterungsunabhängigen Klapperl-Touristen-Indoor-Ersatz-Kreuz gleich bei der Seilbahnstation, in nächster Nähe zu den WC-Anlagen, träumte damals noch nicht einmal nachts irgendwer.


Da ich den langen Anstieg über das Höllental bereits kannte, fragte Karola mich, ob ich sie begleiten möchte. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. An einem etwas bedeckten Werktag im Juli ging es los. Um halb acht Uhr morgens starteten wir am Parkplatz in Hammersbach bei Garmisch. Vor uns lagen 2.200 Höhenmeter und sechs bis acht Stunden Aufstieg. Alles lief glatt! Der Gletscher war gut zu begehen, die Spalten alle sichtbar und so schön schmal, dass man einfach drüberspringen konnte. Die Randkluft war in diesem Sommer ebenfalls gut zu überwinden – ein beherzter großer Schritt reichte aus, um an die ersten Eisenkrampen und das Drahtseil zu gelangen. Ein paar Jahre zuvor musste man sich mit einem losen Drahtseil wie Tarzan von der obersten Schneekante an den Fels hinüberschwingen und dann erst einmal 15 Meter ungesichert am glatt polierten Fels unter erneuter Zuhilfenahme der „Liane“ hochkraxeln. – Heute dürfte die Tour nicht mehr so entspannt sein. Durch das kontinuierliche Abschmelzen des Höllentalferners und die Auflösung des Permafrosts – Stichwort Steinschlag – ist vermutlich alles etwas gefährlicher geworden als es noch vor einem Vierteljahrhundert war.


Nach sechs Stunden standen wir bereits neben dem berühmten goldenen Gipfelkreuz auf knapp 3000 Metern Höhe. Gerade als wir unseren Erfolg auf einem Foto festhalten wollten, fing es an zu graupeln. Da kam ein Mann von der Seilbahn herüber und stieg zum Kreuz und uns herauf. Er hatte die bekannten Korksandalen mit den breiten Lederriemen an den Füßen, eine dünne dreiviertellange Leinenhose in rosa und ein weißes T-Shirt an. In der Hand trug er eine kleine Plastiktüte. Als er uns sah in voller Montur - mit Klettergurt, Helm, Handschuhen, die Steigeisen vom Rucksack baumelnd, brach er in schallendes Gelächter aus.


Karola und ich schauten uns an und verdrehten vielsagend die Augen. Dann schüttelte ich den Kopf, wandte mich zu ihm hin und meinte: „Servus, was lachst´n du so blöd?“ - Er antwortete schnippisch „Seid ihr nicht ein bisschen overdressed für das kurze Stück von der Gondel hier herüber, hm?“ - „Ja, wahrscheinlich. Allerdings sind wir vom Tal aus aufgestiegen, über den Höllentalferner, 2.200 Höhenmeter, sechs Stunden...“ Sofort hörte er auf zu Lachen und es kam nur noch ein kleinlautes „Wie? Man kann auch zu Fuß hier heraufgehen?“ aus seinem Mund. Inzwischen fing es immer stärker an zu graupeln und für uns war es höchste Zeit, sich zwecks Talfahrt in Richtung Seilbahnstation zu begeben. Bevor wir den Kasper im Graupelschauer sich selbst überließen meinte ich zu ihm: „Bist du nicht a bisserl underdressed bei dem Sauwetter hier heroben, hm?“



* Name geändert

 
 
 
  • aj
  • 24. Juni
  • 4 Min. Lesezeit

Mit meinem guten Bergfreund Sören* aus Wuppertal nahm ich im Jahr 2003 an einem Projekt des Deutschen Alpenvereins teil. Es ging darum, die Fitness von Bergwanderern und deren relatives Herzinfarktrisiko in einem Zehnjahreszeitraum repräsentativ zu ermitteln. Hierfür wurden Bewerber aus verschiedenen Altersgruppen zur Teilnahme ausgewählt. Ich hatte mich zusammen mit Sören beworben und wir durften dabei sein.


Zum besagten Termin fuhren wir also Richtung Berchtesgaden, genauer gesagt in die Klinik Schönau am Königssee, wo bereits ein Team aus Ärzten und Krankenschwestern auf uns wartete. Zunächst wurde uns allen ein bisschen Blut abgezapft. Das war für Sören der schlimmste Teil der gesamten Veranstaltung, weil er keine Nadeln mochte. Danach wurde ein EKG abgeleitet und ein Orthopäde hatte seine helle Freude mit all unseren O- und X-Beinen, unseren Senk-, Spreiz- und Knickfüßen – und sicher auch mit dem Halux valgus von Sören...


Nach der eingehenden Untersuchung gingen wir mit den Ärzten zum gemeinsamen Mittagessen. Anschließend holte uns ein Kleinbus an der Klinik ab und brachte uns gegen zwei Uhr nachmittags pappsatt, müde und - wegen der hohen Temperaturen an diesem Tag - bereits vom Nichtstun komplett durchgeschwitzt zur Wimbachbrücke in Ramsau, dem Ausgangspunkt unserer ärztlich begleiteten Wandertour zum Watzmannhaus. In der größten Mittagshitze ging es also los. Knapp vier Stunden und etwa 1.300 Höhenmeter Aufstieg lagen vor uns – und die sollten bei über 30 Grad im Schatten an diesem Tag alles andere als ein Spaziergang werden. Irgendjemand aus unserer Gruppe hatte sich den eigens für mich reservierten Pulsgurt in Größe XS – ja, ich wog damals tatsächlich noch unter 50 kg - unter den Nagel gerissen... oder besser gesagt, unter die rot-weiß-karierte Berguniform geschnallt, so dass ich in damaliger Ermangelung geeigneter Körpermaße ohne Pulsgurt loslaufen musste, weil mir alle anderen Exemplare schlicht und ergreifend auch in der aller engsten Einstellung noch viel zu weit waren. Der Gurt muss ja, um ordnungsgemäß messen zu können, eng am Körper anliegen. Der nette Wanderfreund wollte das Ding auch nicht mehr hergeben – und ich wollte es so gebadet in fremder Körperflüssigkeit auch gar nicht mehr haben. Die Alternative an jenem Tag war nun, dass der junge Arzt, der uns begleitete, seine Finger alle Viertelstunde in meiner Halsschlagader vergrub, um meine Pulsfrequenz zu ermitteln, während ich keuchend neben ihm her trabte. Einziger Trost für mich: Es war ein extrem gut aussehender junger Arzt, dessen kräftige Finger sich immer wieder - ähnlich den Zähnen eines Vampirs - in meinen Hals bohrten. Bis heute bin ich mir nicht ganz sicher, ob tatsächlich nur die Hitze und der steile Anstieg für meinen ungewöhnlich hohen Puls verantwortlich waren.


Gegen 18.00 Uhr erreichten wir alle fröhlich und zufrieden das große Schutzhaus am Falzköpfl. Nach der Zimmerverteilung und einem thematisch abgestimmten Vollwert-Abendessen lauschten wir noch dem Vortrag unseres medizinischen Leiters über gesunde Ernährung in den Bergen, bevor sich jeder nach diesem gleichermaßen anstrengenden und aufregenden Tag in sein Bett oder Matratzenlager verkroch.


Der nächste Morgen begann ebenso gesund, wie der Tag zuvor endete - mit Vollkornbrot, Müsli und frischem Obst. Nach dem ausgiebigen Frühstück packte jeder seinen Rucksack und machte sich fertig zum Aufbruch zurück ins Tal und zur Nachbesprechung unserer Untersuchungsergebnisse in der Klinik. Als wir alle schon draußen auf der Terrasse des Watzmannhauses standen, rief uns der Wirt nach, dass da noch ein Mobiltelefon auf der Sitzbank im Gastraum liegen würde. Ohne mich umzudrehen oder das Gerät näher betrachtet zu haben, sagte ich zu den anderen: „Das ist sicher Sörens Handy. Der vergisst immer irgendwas!“ – Und es war Sörens Handy.


Beim Weiterweg hinunter über den Falzsteig trennte sich die reine Wanderer-Spreu – das ist keinesfalls despektierlich gemeint - etwas vom Bergsteiger-Weizen und ich war mit einigen anderen schon etwas weiter vorne, als plötzlich hinter uns lautes, anhaltendes Poltern und Krachen zu hören war. Ohne mich umzudrehen und nachzuschauen, was denn da los ist, sagte ich nur: „Das ist sicher Sören, der fällt ständig irgendwo runter und rollt dann einfach teilnahmslos weiter!“ – Es war tatsächlich Sören, der gestolpert war, und dann ohne jeglichen Reflex eines Bremsversuchs über den steilen Steig noch weiter hinunter kullerte. Idealerweise war mein Kumpel bei derartigen Stürzen immer so tiefenentspannt, dass er sich nie ernsthaft verletzte. Und auch diesmal ging wieder alles gut.


Als wir auf der Kührointalm ankamen, legten wir eine letzte kleine Pause ein. Jeder bestellte bei der schon wieder beginnenden schwülen Hitze ein kaltes Getränk und genoss dieses sichtlich. Nach einer halben Stunde – wir wollten schon weitergehen – kam der Wirt gelaufen und sagte, er habe ein rotes Baseball-Cap im Flur gefunden. Ohne das Käppi näher gesehen zu haben, sagte ich: „Das ist sicher Sörens Käppi, der lässt immer irgendwas liegen!“ – Und was soll ich sagen: Es war Sörens Käppi.


Trotz alledem ist die gesamte Truppe wieder gut im Tal und in der Klinik angekommen. Unsere Untersuchungsergebnisse konnten sich sehen lassen – und es war wieder einmal bewiesen: Bergsport ist sehr gesund und erhält die körperliche und geistige Fitness bis ins hohe Alter! Ausnahmen bestätigen die Regel. Sicher...



Nachwort: Sören war mit stolzen 75 Jahren noch eine Woche mit mir beim Eisklettern in Südtirol. Mit 90 wollte er das Matterhorn besteigen. Leider wurde nichts mehr daraus. Vor ein paar Jahren hat er sich zu seiner letzten Tour aufgemacht. Es war – wer hätte das gedacht – eine natürliche Todesursache.


Mach´s gut, Sören! Von welchem Gipfel auch immer du jetzt auf uns herunterschaust.


* Name geändert

 
 
 
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