Alles abbauen
- aj
- vor 7 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Mit Berg-Bekanntschaft Elke*) wurde ich regelrecht „verkuppelt“: Eine Arbeitskollegin erzählte mir, sie kenne da eine junge Frau, sehr sportlich, die würde gerne mit dem Bergsteigen anfangen. Leider habe sie niemanden, der sie mal mitnehmen könnte. - Da ich immer gerne neue Leute kennen lerne, erlaubte ich der Kollegin die Weitergabe meiner Kontaktdaten. Prompt wurde ich ein paar Tage später angerufen. Nach einem ersten Beschnuppern in einem Café und einer Testtour an einem mittelschweren Klettersteig, den Elke mit Bravour meisterte, fühlte ich, dass es nun an der Zeit wäre, sie mit auf eine erste einfache Klettertour zu nehmen. Auf eine sehr einfache wohlgemerkt, da ich ja noch nicht wusste, wie sie sich beim Sichern anstellen würde. Um kein Risiko einzugehen, suchte ich also eine Tour im Schwierigkeitsbereich bis maximal dem 3. UIAA-Grad aus, die ich notfalls auch seilfrei hätte gehen können.
Nach einiger Überlegung fiel die Wahl auf den Südgrat des Kleinen Barmsteins bei Marktschellenberg. Die Zusätze „Klettergartentour“ und „III-, meist II“ im Kletterführer ließen darauf schließen, dass keinerlei Probleme zu erwarten sind. Weit gefehlt...
An einem warmen, sonnigen Frühlingstag fuhren wir beide voller Tatendrang zu dem bei Kletterern bestens bekannten Parkplatz. Die anderen Aspiranten strebten nach Höherem bzw. Schwierigerem und hatten nicht den doch schon wirklich sehr einfachen Südgrat im Visier. Gut für uns. Bis zum Einstieg war es nur ein Katzensprung – dachte ich. Leider hatte in dem Jahr Wintersturm Cyril die Bäume derart kreuz und quer gelegt, dass der bekannte Weg zum Beginn der Route an diesem Tag - zumindest für mich - nicht mehr auffindbar war. Wir gingen deshalb stattdessen zum Ausläufer des Südgrates. Hier an den ersten Felsen wollten wir starten. Irgendwann würden wir dann schon auf die eigentliche Route treffen.
Nachdem wir unsere Klettergurte angezogen hatten, band ich zunächst Elke mit einem Achterknoten ins Seil ein. Anschließend baute ich ihr aus einer Schlinge an einem Baum einen Standplatz und hängte sie in die zugehörige Selbstsicherung. Dann band ich mich ebenfalls ins Seil ein und zeigte ihr Bandschlingen und Expressen. Ich erklärte ihr, dass ich dieses „Material“ jetzt in unregelmäßigen Abständen, immer da, wo sich gerade die Möglichkeit bietet, als Zwischensicherung einhängen würde. Bohrhaken gab es in den ersten Seillängen natürlich nicht, weil ja die offizielle Führe erst weiter oben bzw. weiter nördlich beginnt – und man sich noch teilweise im Gehgelände bewegt. Ich sagte ihr auch, dass sie bitte auf ihrem Weg alles abbauen möge, was nicht niet- und nagelfest ist, da wir die Bänder und Karabiner zum einen weiter oben noch brauchen würden und zum anderen das Zeug ja nicht gerade billig ist.
Sie war sich zwar etwas unsicher, ob sie denn auch alle Zwischensicherungen erkennen würde. Diese Bedenken konnte ich aber zerstreuen: „Wenn du vor einer Zwischensicherung stehst, merkst du das schon. Du kommst dann nämlich nicht mehr weiter, wenn du sie nicht aushängst, da das Seil durch den Karabiner der Express-Schlinge verläuft. - Wie gesagt: Bitte ALLES abbauen und mitbringen!“
Ich stieg los. Die erste Seillänge war nicht allzu schwierig, ein Einser mit Zweier-Stellen vielleicht, schöner fester Fels, die Sicherungen musste man – wie bereits beschrieben - selbst legen. Nachdem ich das 50-Meter-Seil fast ausgegangen war, fand ich einen schönen Standplatz an zwei festen Bäumen. Lehrbuchmäßig! Es folgte das Übliche: Standplatzbau, Selbstsicherung, Partnersicherung einhängen, Restseil einholen. Rufkontakt bestand leider nicht, da es an dem Tag ziemlich windig war. Aber wir hatten vereinbart, dass ich dreimal fest am Seil ziehe. Dies sollte für Elke das Zeichen für „Nachkommen“ sein. Ich zerrte also dreimal kräftig am Seil, wartete ein paar Minuten – Anfänger-Standplatzabbau-Zeitbonus – und fing dann an, das Seil langsam über die Sicherung einzuholen. Es lief recht gut, Elke war anscheinend sehr schnell unterwegs. Klar, die Route bot keinerlei Schwierigkeiten, zwischendurch Gehgelände, sie war eine Sportskanone... Was sollte also schief gehen?
Vor mir bildete sich ein immer größerer Seilhaufen. Gleich würde sie um die Ecke biegen... Aber was war das? Es bog tatsächlich etwas um die Ecke: Das andere Ende vom Seil – aufgeknotet! Allein! Keine Elke dran!
Ich war geschockt. Panisch schrie ich ihren Namen. Keine Antwort! – Als nächstes versuchte ich, mich selbst erstmal wieder zu beruhigen: Es gab keinen Seilruck oder ähnliches und das Gelände war nicht sonderlich exponiert. Abgestürzt konnte sie also nicht sein. - Ich rief noch einmal nach ihr. Wieder nichts. Da griff ich zum Handy und wählte ihre Nummer. Sie ging auch prompt ran und fragte gleich, ob sie jetzt endlich nachkommen dürfe. Auf meine Frage, warum sie nicht am Seil hängt, entgegnete sie: „Du hast gesagt, ich solle ALLES abbauen. Da dachte ich mir, diesen komischen Knoten vor meinem Bauch kann ich ja inzwischen schon mal aufmachen, während du kletterst.“ – Wir einigten uns dann darauf, dass sie seilfrei nachkommt. Das Gelände passte und sie traute es sich auch zu. Nach einigen Minuten stand sie bereits vor mir. Mein Material von den Zwischensicherungen hatte sie natürlich nicht mitgebracht… Oh je!
*) Name geändert