Tiroler G´röstl
- aj
- 30. März
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 31. März
Kennt ihr das? Es gibt Leute, die – aus Geiz oder zum Unterstreichen irgendeiner Pseudo-Diät – im Restaurant nie mehr als ein Glas Wasser und höchstens noch einen kleinen gemischten Salat bestellen. Steht dann aber erst mal das Essen bei den anderen auf dem Tisch, stochern sie wie beiläufig mit der Gabel plötzlich in fremden Tellern herum oder stürzen sich am Ende auf alles, was sonst zurück in die Küche gegangen wäre. Das kann manchmal ganz schön nerven. Aber ab und zu kann es auch recht amüsant sein...
Ich war mit meiner Bergkameradin Stasi... Oh, Verzeihung: Anastasia*) – so viel Zeit muss sein! Sie hasst es, wenn man ihren Vornamen abkürzt! – Ich war also mit Anastasia nach einer Bergtour noch in einem kleinen, urigen Wirtshaus zum Abendessen eingekehrt. Wie immer gab es bei ihr das beschriebene "Sparpaket"; denn eines war sicher: Ich schaffte meine Portion ja ohnehin wieder nicht – und dann fiel der Rest für sie ab - gratis und nachhaltig sozusagen.
Mich gelüstete es an diesem Abend nach Tiroler G´röstl, so richtig mit schön viel Kartoffeln, etwas Rindfleisch und einem Spiegelei in der Mitte. Es war im Grunde auch recht lecker, geschmacklich zumindest. Aber das Fleisch war bestimmt nicht von einem glücklichen Tier, das sein viel zu kurzes Leben auf saftigen Bergkräuterwiesen verbringen durfte. Vielmehr muss es sich wohl um einen altersschwachen Ochsen gehandelt haben, der auch ohne Zutun des Metzgers in Bälde das Zeitliche gesegnet hätte. Oder der Wirt hatte einfach nur gedacht, die kommen sowieso kein zweites Mal wieder. Jedenfalls waren das eher "Tiroler Kruschpeln" als ein Tiroler G´röstl.
Die vielen ungenießbaren Knorpel, Knöchelchen und sonstigen nicht kaubaren, schuhlederähnlichen tierischen Anteile beförderte ich dezent aus meinem Mund zuerst – wie Mama es einem beigebracht hat - zurück auf die Gabel und mit dieser dann an den Rand des Holzbrettchens, auf dem die gusseiserne Pfanne serviert worden war. Vermutlich wegen dieser ungewollten zusätzlichen Anstrengungen schaffte ich nicht einmal die Hälfte der mir vom Küchenchef zugedachten Portion.
Da schlug Anastasias Stunde: Während ich bereits sowohl die Serviette als auch die zuvor beschriebenen von mir "aufgegebenen" Nahrungsreste zurück in die Pfanne befördert und dort ordentlich in eine „neutrale Ecke“ drapiert hatte, damit sie dem Kellner beim Abräumen nicht runterfallen, fragte sie: „Isst du das nicht mehr?“ – und versuchte dabei, ein möglichst überraschtes Gesicht zu machen. „Nein, kannst du haben“, meinte ich nur lapidar, da ich dieses Spielchen ja bereits von vorherigen Restaurantbesuchen kannte.
Man sah - und hörte auch, dass es ihr ausgezeichnet schmeckte. Sie muss wirklich sehr ausgehungert gewesen sein nach der langen Tour... denn als sie fertig war traute ich meinen Augen kaum: Die Pfanne war leer! Und mit „leer“, meine ich L-E-E-R, blitzblank! – Nur die Serviette lies sie übrig... Mmmh... Mahlzeit!
*) Name geändert