Zurückgelassen
- aj
- vor 6 Stunden
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Nach dem Tod einer jungen Bergsteigerin im Januar 2025 am Stüdlgrat (Großglockner) - bzw. nach dem Prozess vor dem Landesgericht Innsbruck Anfang 2026 ist in den Sozialen Medien unter dem Hashtag "Alpine Divorce" (Anspielung auf die Kurzgeschichte "An Alpine Divorce" von Robert Barr, erschienen 1893) eine leidenschaftliche Debatte über das Zurücklassen von Bergpartnern entbrannt. In erster Linie sind es dabei Frauen, die von ihren männlichen Begleitern in gefährliche Situationen gebracht wurden.
Ich hatte mir fest vorgenommen, nicht auf die "Züge" solcher populären Themen aufzuspringen, weil ich nur über Dinge schreiben möchte, die ich selbst erlebt habe - oder gerade erlebe - und bei denen ich deshalb auch tatsächlich mitreden kann, und zwar auf der Gefühlsebene. Harte Fakten zu recherchieren überlasse ich all jenen, die das von der Pike auf gelernt haben. Da fiel mir ein, dass ich ja auch schon mal einfach in den Bergen stehen gelassen wurde. Der Vorfall ist nun schon fast 30 Jahre her. Vermutlich hatte ich ihn auch irgendwie verdrängt. Dabei passierte es noch nicht mal mit einem (Ex-)Partner, sondern einfach mit einem Bekannten, mit dem ich bis zu diesem Vorfall ab und zu in die Berge ging.
Es war schon Herbst. Wir waren an einem knapp 3.600 Meter hohen Berg in den Grajischen Alpen (Aostatal, Italien) unterwegs. Da wir mit Schneefeldern rechneten, hatte ich meine steigeisenfesten Bergschuhe angezogen. Die waren damals, Mitte/Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts, noch ziemlich unbequem, zumindest die meinen. Sie bestanden, ähnlich der heutigen Tourenskischuhe, aus einem weichen Innenschuh und einer harten Außenschale aus Plastik.
Warum auch immer - zu viel und zu schweres Gepäck, zu spät gestartet, die dünne Luft... Jedenfalls mussten wir irgendwann einsehen, dass wir den Gipfel an diesem Tag nicht mehr so rechtzeitig erreichen würden, dass wir vor Einbruch der Dunkelheit wieder beim Auto gewesen wären. Also kehrten wir um 14.00 Uhr um. Ich weiß nicht, was es genau war. Vermutlich hatte ich meine supersteifen Schuhe zu fest gebunden. Jedenfalls schmerzten nach kurzer Zeit des Abstiegs meine Fußgelenke dermaßen, dass ich stehen blieb und nachschaute, was in der Plastikschale so los war. Als ich die Socken auszog, bin ich nicht schlecht erschrocken: Meine Sprunggelenke waren ganz blau, an jedem Fuß jeweils ein handtellergroßes Hämatom am Innenknöchel und ein ebensolches außen.
Mein Begleiter schaute sich das kurz aus ein paar Metern Entfernung an - und zack! Weg war er! Zuerst dachte ich noch, der wird sicher gleich an der nächsten Biegung auf irgendeinem Felsen sitzen und warten. Vielleicht war ihm der Anblick meiner Blutergüsse gerade zu viel. Aber weit gefehlt. Unter enormen Schmerzen musste ich den noch dreistündigen Abstieg ganz alleine bewältigen. Klar, er hätte mich nicht tragen können oder ähnliches, aber ein menschliches Wesen (im doppelten Sinne des Wortes), eine vertraute Person zum Ratschen, hätte den Abstieg bestimmt etwas erträglicher gemacht. Außerdem quälte mich drei Stunden lang die Frage, ob er denn wenigstens am Parkplatz auf mich warten würde - oder ob er bereits runter ins Tal und ins Hotel gefahren ist. Der Parkplatz lag auf 1.800 Metern. Nach Aosta runter wären es nochmals ein paar Stunden zu laufen gewesen. Außerdem hätte ich das ohnehin nicht mehr geschafft. Mir wäre nichts anderes übrig geblieben, als über die Auslandsauskunft ein TAXI-Unternehmen ausfindig zu machen - sofern ich mit meinem Handy ein Netz gehabt hätte - oder über den Notruf gleich die Bergrettung zu alarmieren.
Letztendlich saß er am Parkplatz, den ich bei einbrechender Dunkelheit erreichte, in seinem Auto und verstand gar nicht, warum ich ihm erst einmal so richtig die Meinung geigte. Ob und wie sehr ich in akuter Gefahr war, lässt sich rückblickend nicht mehr so genau sagen, da ich ja den Abstieg noch aus eigener Kraft bewältigen konnte. Aber es hätte auch anders ausgehen können. Ich hätte wegen der lädierten Knöchel auch noch zusätzlich stolpern können oder ähnliches. Und in schöner Erinnerung behalten hatte ich die Tour auf diese Weise ohnehin nicht - und den Bekannten auch nicht. - Als ich im Hotelzimmer meine geschundenen Knochen - und Knöchel - gerade in einem warmen Vollbad sortierte, ist ER allein Pizza-Essen gefahren. Ich ging hungrig zu Bett, aber ich war zumindest nicht allein: Ich hatte ja meine vier Mega-Blutergüsse... Tja, manchmal wird man sogar zweimal an einem Tag im Stich gelassen.
Ist euch sowas auch schon mal passiert? Wurdet ihr auch schon mal in den Bergen oder anderswo zurück gelassen? Wie akut wart ihr in Gefahr? Was war ggf. euer Anteil an der Situation? Was hat das für ein Gefühl bei euch ausgelöst? Und was hat das mit der Beziehung zu der Person gemacht, die euch das angetan hat?
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