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Samaria, Maria, Maria...

  • aj
  • 4. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Anfang der 1990er Jahre, also kurz nach der Wende – die Älteren unter uns erinnern sich – begab es sich, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben in ein Passagierflugzeug steigen sollte. Mandy*) hatte ich kennengelernt, als sie bei meinem damaligen Arbeitgeber gerade ein Praktikum absolvierte. Sie stammte ursprünglich aus einem kleinen Ort in Sachsen. Nach Beendigung ihres Praktikums hatte sie die Idee, dass wir beide im Rahmen einer Studienreise nach Kreta fliegen könnten. Der Gedanke gefiel mir sofort und so sagte ich ohne lange nachzudenken „ja“. Da wir beide vorher noch nie in einer großen Maschine geflogen waren – ich bis dahin nur Hubschrauber, Segelflieger und ab und zu mal auf die Nase – beschlossen wir, vom Flughafen Halle-Leipzig aus zu starten, also quasi bei ihr um die Ecke. Das war zum einen billiger und zum anderen war das damals noch ein richtig netter „Anfänger-Flughafen“. Die Abfertigungshalle war kleiner als mancher Bahnhofs-Wartesaal, es gab gefühlt nur zwei Gates und überhaupt war alles recht familiär dort. Ohne größere Probleme landeten wir im richtigen Flieger – und der mit uns nach etwas mehr als zwei Stunden Flug in Heraklion auf Kreta. Dort erwartete uns bereits die Reiseleitung, die uns und die weiteren Teilnehmer unserer Studienreise zu unserem Tourbus begleitete.


Unsere Reiseleiterin hieß Maria. So hieß auf Kreta damals ungefähr jede zweite Frau. Dass diese Tatsache uns noch zum Verhängnis werden sollte, ahnten wir zu dem Zeitpunkt noch nicht. Maria verkürzte uns also die Fahrten zwischen zwei alten Kirchen, von Ausgrabung zu Ausgrabung und von einem Museum ins nächste mit Landeskunde, Geschichte und was man sonst auf einer Studienreise über Kreta alles so erfahren muss.


Der absolute Höhepunkt der Reise war jedoch für Mandy und mich die Wanderung durch die berühmte Samaria-Schlucht im Südwesten der Insel. Bereits um fünf Uhr morgens wurden wir im Hotel abgeholt und mit dem Bus auf die Omalos-Hochebene gebracht. Dort beginnt die 17 Kilometer lange Schlucht. Wir witzelten noch mit dem Wortspiel rum „In Omalos geht die Oma los“. - Doch bevor wir die gut 1.200 Höhenmeter bis zum Hafen von Agia Roumeli am Libyschen Meer in Angriff nehmen durften, wurden wir alle von Maria, die selbst nicht mitwanderte, noch eingehend „gebrieft“: Unser Bergführer (im griechischen Verständnis) hieß Andreas. Sein Spitzname war „Blutlos“ - Maria sagte uns, wenn wir ihn zum ersten Mal sehen, würden wir diesen Namen verstehen. Der blutlose Andreas, der ja niemanden von uns je zuvor gesehen hatte, musste immer das Schlusslicht bilden. Bei uns würde man sagen, er war der „Lumpensammler“. Sollte „Blutlos“ doch mal versehentlich einen von uns überholen, sollten wir laut „hallo Blutlos!“ rufen. Das war für ihn das Signal, dass er wieder etwas langsamer gehen muss. Unten im Dorf sollten wir uns dann in einem Restaurant bei Andreas einfinden und ihm sagen, dass wir von der Gruppe von Maria seien. Dies war das Codewort für unsere Fährtickets. Man kommt nämlich von Agia Roumeli nicht anders weg als mit dem Schiff. Es sei denn, man schwimmt – oder steigt die Schlucht wieder hinauf.


Mandy und mir war das alles ziemlich schnuppe, da wir uns sicher waren, dass der gute Andreas ohnehin nicht an uns vorbeiziehen würde. Während die anderen unserer Reisegruppe noch ihre „Klapperl“ ein Loch enger schnallten oder sich lieber gleich auf halber Strecke einen Notfalltransport per Esel organisierten, um nicht die gesamte Distanz selber laufen zu müssen, rannten wir los. Die bis zu 600 Meter hohen Schluchtwände flogen nur so an uns vorbei, was das Landschaftserlebnis aber eher noch intensivierte. An der „Eisernen Pforte“ hielten wir kurz inne, aber nur, weil andere Wanderer uns an der Engstelle den Weg versperrten. Und ab an zu fotografierten wir eine der hier endemischen Pflanzen. War ja schließlich eine Studienreise. Nach gut drei Stunden Abstieg erreichten wir den Strand und holten uns in dem für Oktober noch angenehm warmen Meer eine kleine Abkühlung.


Gegen 14.00 Uhr packten wir unsere Sachen zusammen und liefen zurück in den Ort und schnurstracks in das vereinbarte Fischlokal, um die Tickets für die einstündige Fahrt nach Chora Sfakion abzuholen, wo uns unser Busfahrer zusammen mit Maria wieder auflesen sollte.


Zu unserem Erstaunen war das Restaurant menschenleer. Kein Andreas Blutlos, keine Leute aus unserem Bus – es war niemand mehr da, außer der verdutzte Oberkellner und wir beiden noch verdutzteren Wandervögel. Der Kellner gab uns den Tipp, dass wohl alle bereits zum Schiff gegangen sind. Spätestens jetzt brach eine mittlere Panik bei uns aus. Wir rannten zum Hafen – noch schneller als durch die Schlucht. Nicht auszudenken, wenn das letzte Schiff ohne uns ablegt. Dann wären wir für mindestens eine Nacht hier gefangen. Und am nächsten Tag hätten wir zusehen können, wie wir unseren Bus samt Reisegruppe und besorgter Maria wieder einholen. Die hätten nämlich wegen der vorgebuchten Hotels und dem straffen Besichtigungsprogramm die Rundreise ohne uns fortsetzen müssen. - Das war keine Option!


An der Fähre angelangt, wollte man uns zunächst nicht an Bord lassen. Kunststück – ohne Tickets! Ich musste dem Zahlmeister darum irgendwie klarmachen, was passiert ist, obwohl ich das zu diesem Zeitpunkt selber noch nicht ganz überrissen hatte. Mit Engelszungen redete ich auf den armen Mann ein. Schließlich gab er nach, behielt aber Mandy und meinen Rucksack als Pfand. Ich wurde also aufs Schiff gelassen, erkannte dort aber recht schnell, dass ich unter den vielen Leuten die blutlosen 45 Kilogramm Bergführer nicht würde rechtzeitig ausfindig machen können. Mir blieb nichts anderes übrig, als es auf der Brücke zu versuchen. Zum Glück verstand der Kapitän Englisch und ich durfte eine Lautsprecher-Durchsage machen. Nicht mal eine Minute später standen eine mir unbekannte Reiseleiterin mit dem schönen Vornamen Maria sowie ein etwas schmächtig geratener Bergführer auf der Brücke...


Was war passiert? - Zwei andere Mädels, die ebenfalls recht schnell durch die Schlucht gelaufen waren, gingen im Restaurant versehentlich zu Andreas anstatt zu deren „Bergführer“ und sagten ebenfalls, dass sie von Marias Gruppe wären. Deren Reiseleiterin hieß – welch Überraschung! - auch Maria. Nachdem Andreas all seine Tickets verteilt hatte, sah er keinen Grund mehr, noch länger im Restaurant auszuharren und ging aufs Schiff. Und nachdem weit und breit keine Wanderer mehr zu sehen waren – wir chillten ja zu der Zeit noch am Strand, ging auch der andere Bergführer an Bord. Womöglich zusammen mit der „falschen“ Maria, auf jeden Fall aber mit zwei überzähligen Fährtickets. Die beiden Damen mit unseren Tickets waren schnell gefunden, ich bekam die beiden übrig gebliebenen Fahrkarten von dem anderen Bergführer – und vom Zahlmeister im Tausch gegen diese dann Mandy und meinen Rucksack ausgehändigt.


Nun konnte die Fähre endlich ablegen. Abends im Hotel gab es jede Menge Gesprächsstoff – und einen Tadel von Maria.



*) Name geändert

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