Zwischen Kristiansand und Kristiansund - Teil 2
Aktualisiert: 4. Sept.
Tag 7 – Gute Tipps
Neuer Tag – neues Klettersteig-Glück! Gestern Abend haben wir eine junge Norwegerin mit ihrem Sohn kennengelernt. Sie machen mit dem Pkw gerade eine ähnliche Tour wie wir und klappern ebenfalls die Klettersteige im Süden Norwegens ab. Der Sohn ist 10 und ein richtig lieber Bub. Sie zeigt uns Bilder von ihren gemeinsamen Touren und ich sage ihr, wie stolz sie auf ihren mutigen Sohn sein kann. Das ist sie auch. Wir erfahren unter anderem, dass die Via Ferrata Migaren entgegen der Infos im Internet saniert wurde und wieder geöffnet ist.
Von Flekkefjord fahren wir also auf der kleinen Straße zum Jössingfjord und parken unweit des Einstiegs. Der Steig beschreibt einen Bogen an einer Felswand. Als Highlight quert man am höchsten Punkt einen Wasserfall. Prompt verheddere ich mich. Ich verheddere mich immer ausgerechnet dort, wo man am besten schnell weiterklettern sollte. Am liebsten an Wasserfällen oder auch gerne mal in Überhängen. An „normalen“ Stellen kann sich ja jeder verheddern. An blöden Stellen macht es viel mehr Spaß – zumindest für die Zuschauer. Ich muss also die Symbiose, die mein Klettersteigset gerade mit dem schlappen, nassen Drahtseil eingegangen ist, genau unter dem herablaufenden Wasserschwall entwirren. Als es mir endlich gelingt, bin ich bereits patschnass. Aber egal, es ist ja auch heute wieder recht warm und sonnig, wie bisher jeden Tag.
Trocknen kann ich auf der Fahrt zu unserem nächsten Ziel. Auch das ist ein Tipp der abenteuerlustigen Mama von gestern: Der Magma Geopark Gloppedalsura ist angeblich das größte Geröllfeld Nordeuropas und beherbergt ganz nebenbei auch eine Via Ferrata, die direkt neben der Straße beginnt und sich abwechselnd über die Felsbrocken oder unter ihnen hindurch schlängelt. Die Schwierigkeiten nehmen zum Ende hin zu und es macht uns einen Mordsspaß, das riesige Blockfeld kraxelnd und kriechend zu erkunden. Geotrail mal ganz anders!
Vom Geopark geht es weiter nach Eikeskog. Hier soll irgendwo die Via Ferrata Manafossen sein. Wir sehen aber nur einen großen Bauernhof und kehren um. Wo bitteschön soll hier ein Klettersteig sein? Es gibt an der Straße zurück ins Tal zwar einen Wasserfall, laut GPS-Karte ist das aber nicht der Manafossen. Wir diskutieren – und starten einen zweiten Anlauf. Diesmal fahren wir direkt zur Farm. Ein älterer Mann läuft gerade quer über den Hof. Ich lasse das Fenster runter: „Via Ferrata?“ Er spricht kein Englisch – und wir verstehen nur Bahnhof. Mit Händen und Füßen macht uns klar, dass wir ihm folgen und vor einer Stalltüre warten sollen. Ein paar Minuten später kommt ein junger Bursche, dessen Alter wir absolut nicht einschätzen können und schließt die Stalltüre auf, hinter der sich ein Büro befindet. Diesmal ist wieder ein Unterhaltungsbeitrag fällig. 275 NOK möchte der junge Mann haben. Angesichts der Tatsache, dass der Klettersteig auf eigene Kosten der Familie in die Felswand hinter dem Hof gezimmert wurde, geht das völlig in Ordnung. Den Beitrag von 120 NOK für den Migaren-Steig heute Morgen haben wir ohnehin geprellt, weil die Online-Überweisung nicht funktioniert hat. Psst!
Der zukünftige Hofbesitzer empfiehlt uns, die schwierigere Variante zu nehmen, was wir auch tun. Er hat allerdings nicht damit gerechnet, dass wir an Stelle des Wanderwegs die einfachere Variante des Klettersteigs als Abstieg benutzen. Da wir um die Uhrzeit allein im Steig sind, stört das niemanden. Hinterher kommen wir mit dem jungen Mann nochmal etwas länger ins Gespräch: Er erzählt uns, dass er vor Kurzem in der Schweiz war. Er schwärmt in den höchsten Tönen von der Alpenrepublik, besonders vom Wallis, weil dort die Berge so hoch sind. Und er träumt davon, einmal das Matterhorn zu besteigen. Der höchste Berg Norwegens, der Galdhöpiggen, ist „nur“ 2.469 Meter hoch. Dass die Zugspitze fast einen halben Kilometer höher ist, erstaunt ihn, weil er in Deutschland keinen Fast-Dreitausender vermutet hätte. Beim Bau des Klettersteigs habe er tatkräftig mitgearbeitet. Ein von ihnen engagierter Profi habe die Seile gesetzt und er selbst habe dann die Trittbügel eingebohrt. Bestimmt Knochenarbeit! Kein Wunder, dass der Kerl so dünn ist.
Wir dürfen auf dem Parkplatz unweit des Hofs umsonst übernachten, werfen aber trotzdem was in die Spendenbox. So eine private Klettersteig-Initiative muss einfach unterstützt werden. Und der Tipp mit der schwierigen Variante war für uns sowieso Gold wert. Endlich haben wir mal richtig zupacken müssen – oder besser: dürfen!
Tag 8 – Gegenverkehr
Wo wir schon mal hier sind, wollen wir am frühen Morgen zum Aussichtspunkt aufsteigen, von dem aus man den Manafossen sehen kann. Der Weg führt über Steinstufen und steile Felsplatten. Weiter oben helfen Ketten dabei, sich hochzuziehen. Es ist auch heute wieder ziemlich warm. Als wir bereits auf dem Rückweg sind, kommt uns eine ganze Kolonne von Menschen entgegen. Es sind Deutsche, die mit einem Bus hierher gekarrt wurden. Vermutlich Passagiere eines Kreuzfahrtschiffes, die einen Landausflug gebucht haben. Dass Menschen in Gruppen rücksichtsloser sind, ist ja ein allgemein bekanntes Phänomen. Gerade kommen zwei ältere Damen auf mich zu, eine davon mit Teleskop-Wanderstöcken. Ich mache Platz, indem ich seitlich unterhalb des Weges ausweiche. Denke noch so bei mir, wie sie sich wohl mit den Stöcken in der Hand an den Ketten hochziehen will und ob die Stahlspitzen auf den steilen Granitplatten überhaupt Halt bieten… Da habe ich eine solche Stahlspitze auch schon im linken Oberarm stecken. Das hätte ins Auge gehen können! Die Dame indes stöckelt völlig unbeeindruckt weiter. Als ich laut „Aua!“ sage und ihr nachrufe, dass sie doch bitte etwas besser aufpassen möge mit ihren beiden Mordwaffen in den Händen, werde ich von ihrer fast ebenso alten Begleiterin auch noch dumm angemacht. Na super! Zweimal innerhalb von drei Tagen aufgespießt! - Ich ärgere mich noch weiter, während ich, zurück im Wohnmobil, den Bluterguss am Arm kühle und ein großes Pflaster auf den zum Glück recht glimpflichen Cut von der Stahlspitze klebe. Wenigstens hat mein Freund diesmal ALLES mitbekommen und die beiden „Golden Girls“ mit ihren „Falt-Krücken“ auch noch mal ordentlich zusammengefaltet.
Der nächste Zwischenstopp ist in Stavanger. Ich muss Pflaster kaufen. Meine Unfallanfälligkeit der letzten Tage hat unseren Vorrat fast aufgebraucht. Kurzer Produkt-Check: Norwegische Pflaster kleben nicht besonders gut. Auf diese Weise braucht man noch mehr davon. Perfekte Marketing-Strategie!
Bereits am frühen Nachmittag – echt, das haben wir zuvor noch nie geschafft – kommen wir am Campingplatz Preikestolen an. Wir genießen es, zum ersten Mal unsere im Mietpreis freundlicher Weise enthaltenen Campingstühle „einzuweihen“ und setzen uns zum Essen ins Freie. Leider haben hunderte von Mücken nur darauf gewartet... Und die tschechische Großfamilie in den Zelten schräg gegenüber hat offenbar gerade irgendein Event, weswegen alle eine halbe Stunde lang einfach nur wild durcheinander plärren müssen.
Egal, wir chillen noch ein bisschen, dann wird es ohnehin Zeit, sich auf den Weg zum Wanderparkplatz zu machen. Wir stellen unsere Stühle samt Tisch so hin, dass dies unmissverständlich als Platzreservierung erkennbar ist, und fahren die paar Kilometer auf der Passstraße zum großen oberen Parkplatz, dem Ausgangspunkt des Wanderweges zum Preikestolen.
Um 18.00 Uhr laufen wir los. Es ist jetzt zum Glück nicht mehr ganz so heiß. Die gut vier Kilometer und 500 Höhenmeter kommen recht abwechslungsreich daher. Nach ein paar steileren Abschnitten und einer Senke mit tiefblauen Seen, erreichen wir um halb acht bereits die Engstelle kurz vor dem eigentlichen Ziel. Da ist er, der berühmte Felsen, der nach drei Seiten senkrecht 604 Meter in den Lysefjord abbricht. Preikestolen heißt auf deutsch Predigtstuhl. Auf der etwa 25 mal 25 Meter großen Fläche tummeln sich die Leute. Für ein Foto muss man auch um diese Uhrzeit noch ein paar Minuten anstehen. Manche Wanderer gehen vor bis an die Kante, aber ich bleibe in einem sicheren Abstand stehen. Da sind mir einfach zu viele Menschen, euphorisch, das Ziel erreicht zu haben, vielleicht einen Augenblick unaufmerksam, wer weiß… Nein danke, so wichtig kann ein Foto gar nicht sein – und bei „Insta“ bin ich ja ohnehin (noch) nicht.
Irgendein Depp wirft kiloschwere Steine von der Kanzel in den Fjord. Ein mit gesunder Zivilcourage gesegneter Norweger nimmt ihm zuerst die Steine weg und erklärt ihm dann unmissverständlich, dass er mit dem Steinewerfen zum einen die Natur zerstört und zum anderen gegen norwegisches Recht verstößt. Bravo! Können diese Leute eigentlich nicht lesen geschweige denn Piktogramme verstehen? Oder glauben sie, dass Vorschriften für sie einfach nicht gelten? Ich bin jedenfalls nach dieser Szene erst recht heilfroh, nicht bis an die Kante gegangen zu sein. Der eine wirft „nur“ Steine runter, der nächste findet vielleicht was anderes...
A propos „finden“: Wenn einen die vielen Mücken hier oben erst einmal gefunden haben, lassen sie einen so schnell nicht wieder los. Jeder bekommt hier seinen persönlichen Mückenschwarm als Begleitservice, den ganzen Weg zurück, runter zum Parkplatz. Die Viecher kriechen in jede Körperöffnung, die sie finden können. Ein Tuch vor Mund und Nase sowie eine enganliegende Sonnenbrille bringen etwas Linderung. Trotzdem ist das so nervig, dass das tolle Erlebnis, auf den Preikestolen gestiegen zu sein, buchstäblich ein bisschen verfliegt. Wenigstens hat sich damit aufgeklärt, warum bei unserem Start so viele Menschen mit FFP2- oder OP-Masken am Parkplatz rumgelaufen sind. Ich hatte schon Angst, dass wieder irgendein Virus ausgebrochen ist und uns niemand Bescheid gesagt hat.
Um halb elf Uhr abends sind wir wieder am Parkplatz. Ein paar von den Mücken kommen noch mit ins Wohnmobil und fahren mit uns zurück zum Campingplatz, wo uns unsere Reservierungs-Stühle schon sehnsüchtig erwarten. Wie aus dem Nichts fängt es auf einmal heftig an zu regnen. Ich denke gerade an all die jungen Leuten, die uns beim Abstieg mit großen Rucksäcken, Schlafsack und Isomatte entgegen gekommen sind. Bestimmt wollten sie am Preikestolen übernachten und in ein paar Stunden den Sonnenaufgang bewundern. Daraus wird in dieser Nacht leider nichts.
Tag 9 – Regentag
Es hat die ganze Nacht durch geregnet. Und es regnet immer noch. Zurück nach Stavanger fahren wir wieder durch den Ryfylke-Tunnelen. Wir sind auch bereits gestern auf dem Weg zum Preikestolen durchgefahren, haben dies aber in der ganzen Vorfreude gar nicht so richtig mitbekommen. Der Ryfylke-Tunnel ist knapp 14,4 Kilometer lang und damit aktuell der längste Unterwasser-Straßentunnel der Welt. Außerdem taucht er bis zu 292 Meter unter dem Horgefjord ab und ist somit zugleich der tiefste Straßentunnel der Welt. Zwei Superlative auf einmal! Die Durchfahrt dauert circa 12 Minuten und ist ein Erlebnis für sich. Auf halber Strecke ist ein hallenartiger Raum in tiefblaues indirektes Licht gehüllt. Eine Kunstinstallation, die klaustrophobische Ängste abbauen und die Durchfahrenden bei Laune halten soll. Man hat auf diesem Abschnitt den Eindruck, über eine Brücke mit Geländer zu fahren. Der Tunnel ersetzt seit seiner Eröffnung Ende 2019 gleich zwei Fährverbindungen. Seine beiden Weltrekorde darf der Ryfylke-Tunnel voraussichtlich noch bis 2033 behalten. Dann soll etwas weiter nördlich der Rogfast-Tunnel mit 392 Metern Tiefe und 27 Kilometern Länge fertiggestellt sein. Wir sind jedenfalls froh, nach nicht ganz einer Viertelstunde Fahrt durch die Unterwelt wieder ans Tageslicht zu kommen, obwohl es draußen immer noch regnet.
Die Landschaft ist sogar bei Regen großartig, wenngleich die hunderte von Seen, an denen wir vorbeikommen, bestimmt noch schöner gewesen wären, hätte sich der blaue Himmel in ihnen gespiegelt. Schafe, die bei dem Sauwetter lieber mitten auf der Straße laufen als im nassen Gras, verzögern immer wieder unser Vorankommen. Gleichzeitig sind sie auch eine willkommene Abwechslung - und ein total süßes Fotomotiv. Wer könnte diesen „woolly animals“ da böse sein?
Durch alle möglichen unaussprechlichen „-fjells“ und „-dalen“ fahren wir weiter ins Setesdal nach Brokke, einem bei Norwegern bekannten Skiort. Dort hauen wir uns erstmal aufs Ohr. Es strengt an, den ganzen Tag im Regen Strecke zu machen – auch als Beifahrerin. Abends starten wir dann noch zu einer Rundfahrt durch das gesamte Skiresort und checken unsere Ziele für die nächsten Tage aus, bevor wir es uns auf einem Kiesplatz gegenüber der Talstation zwischen mehreren anderen Wohnmobilen und Campervans gemütlich machen.
Tag 10 - Windig
Bereits in der Nacht hat es aufgehört zu regnen. Dafür heult seitdem ein stürmischer Nordwind durch alle Ritzen. Wir fragen uns, ob man bei so einem starken Wind überhaupt draußen unterwegs sein sollte - oder ob das nur Lebensmüde tun würden. Da habe ich die Idee, dass wir einen Klettersteig bräuchten, bei dem die Wand nach Süden ausgerichtet ist. Nach meinen „Berechnungen“ müsste es dort dann relativ windstill sein. Wir fahren also von der Alpinstasjon Brokke die paar Kilometer nach Valle, um meine Theorie an der Via Ferrata Nomelandsfjell gleich mal einem Praxistext zu unterziehen. Dafür laufen wir zunächst fünf Minuten durch den Wald zum Einstieg. Mein Freund ist total überrascht, dass sich dort wirklich kaum ein Lüftchen regt. Ich grinse innerlich, weil alles so klappt wie insgeheim gedacht. Oder wie Hannibal Smith in „Das A-Team“ - die Älteren unter uns erinnern sich - immer zu sagen pflegte: „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert.“ Zurück bei unserem mobilen Häuschen registrieren wir uns online und überweisen die 490 NOK pro Person Nutzungsgebühr an die Outdoor-Firma, die den Klettersteig betreut. Danach packen wir unsere Ausrüstung, warten auf die Freigabe und gehen erneut zum Einstieg. Wäre schön blöd gewesen, wenn der Wind inzwischen gedreht hätte.
Der Klettersteig hat eine sehr schwierige Variante mit zwei langen und heftigen Überhängen. Da hätte ich richtig Bock drauf gehabt. Nur leider steht mir eine popelige Felsstufe im Weg, die noch nicht mal zu den eigentlichen Schwierigkeiten zählt. Ich bin einfach zu klein!
Kraxel-Zwerg… Mein Freund versucht es noch mit einer Räuberleiter, aber das sind so Fallen, die man sich lieber nicht stellen sollte: Wenn man aus eigener Kraft nicht über eine Stelle drüber kommt, soll es einfach nicht sein. Oftmals ist das von den Erbauern sogar beabsichtigt, weil weiter oben noch so eine Stelle kommt. Wir begnügen uns deshalb mit der einfacheren Variante, die auch großen Spaß macht. Hinter uns kommt eine fünfköpfige Familie schnell näher. Es sind Norweger, die über die extremen Passagen nur so drüberhuschen. Respekt! Dafür treffen wir auf unserer Route einen Troll – leider ist der nur aus Plastik.
Oben am Ausstieg liegt mal wieder ein See. Wir verweilen ein wenig und machen uns dann an den Abstieg. Der führt vorbei am Parkplatz Honnevje. Der Parkplatz scheint was ganz Besonderes zu sein. Wir können von oben bereits sehen, dass er ziemlich voll ist. Offenbar legen viele Leute dort einen Zwischenstopp ein. Als wir selber unten ankommen, verstehen wir auch warum: Es ist einfach wunderschön hier! Felsplatten, die gerade mal ein paar Zentimeter vom Wasser überströmt werden, kleine Wasserfälle, ausgewaschene Blöcke im Wasser, auf denen man hüpfend den Fluss überqueren kann und kleine Aussichtsinseln. Sogar eine Badeleiter gibt es – von abgehärteten Norwegern wird diese durchaus frequentiert. Wir genießen diese tolle natürliche Wasser- und Badelandschaft ausgiebig, bevor wir den Rest des Weges an der Hauptstraße entlang, zurück zu unserem Klettersteig-Parkplatz laufen. Anschließend fahren wir, an Brokke vorbei, in südliche Richtung und checken bei Helle Camping in Hedde am Automaten ein.
Tag 11 – Am längsten
Nach dem Frühstück laufen wir zum Campingplatz-Büro und bezahlen den Stellplatz für eine zweite Nacht sowie den Unterhaltungsbeitrag von 600 NOK pro Person für die Via Ferrata Straumsfjell beim Chef persönlich. Dafür gibt’s allerlei Tipps für die Begehung des Klettersteigs und die Info, dass er – der Chef - heute seinen freien Tag hat. Er fährt gleich in die Stadt und kann uns leider nicht mit dem Boot über den Fluss bringen. Wir sollen stattdessen mit dem Wohnmobil über eine Brücke zu einem Parkplatz bei einem Werksgebäude auf der anderen Uferseite fahren und von dort aus etwa zwei Kilometer weiter zum Ausgangspunkt laufen. Na supi! Der Preis bleibt derselbe, nur die Serviceleistungen bekommen gerade ein Downgrade. Memo an mich: samstags kein Bootsverkehr im Setesdal. Wie nett, dass es heute zu allem Überfluss mal wieder ungewöhnlich warm ist.
Wir stellen also ein weiteres Mal unsere Stühlchen raus, damit niemand unseren Stellplatz belegt. Typisch Deutsch halt – aber ein Handtuch war gerade nicht verfügbar! Der Zweck heiligt die Mittel. Wer weiß, wann wir zurück kommen. Der Straumsfjell Klettersteig soll mit seinen 1500 Metern Kletterstrecke der längste in ganz Nordeuropa sein. Mein Freund ist skeptisch, ob wir das überhaupt schaffen.
Zuerst einmal müssen wir den Parkplatz finden. Wir fahren mehrmals die Straße am gegenüber liegenden Ufer auf und ab, bis wir endlich den beschriebenen Kiesplatz vorfinden. Von dort aus laufen wir dann zwischen Bauernhöfen zum Waldrand. Nun möchte man meinen, dass hier Spuren darauf hindeuten könnten, wo es weitergeht. Aber nein, sowas gibt es hier offenbar nicht. Drei Norweger, zwei Männer und eine junge Frau, laufen an uns vorbei. Sie grüßen freundlich, sind aber sichtlich in Eile. Ich bin mir sicher, dass auch sie den Zustieg suchen, möchte mich aber nicht aufdrängen. Und sie wiederum haben vermutlich erst gar nicht angenommen, dass wir ebenfalls den Klettersteig gehen wollen. Vielleicht schauen wir einfach nicht besonders sportlich aus mit unseren langen Berghosen und den großen Rucksäcken. Eher wie Weitwanderer vielleicht, nicht wie Leute, die sich in der Vertikalen wohlfühlen.
Nach etwa einer halben Stunde komme ich auf die Idee, dass der Zustieg am Flussufer beginnen könnte, weil man ja normalerweise vom Campground mit dem Boot dorthin fährt. Wir gehen also den gesamten Waldrand entlang bis zu dem Punkt, wo der Wald direkt ans Flussufer heran reicht. Und siehe da, da ist er ja und sagt nichts, der Zustieg! Da hätte ich aber auch früher drauf kommen können.
Ziemlich rau und nicht ohne weitere kleine Verhauer geht es hinauf zum Einstieg. Auch hier ist man in ständiger Begleitung unzähliger winziger Mücken. Oben am Einstieg treffen wir wieder auf die Norweger. Die sind querfeldein über ein Blockfeld im Wald gekraxelt und wollen gerade in die Via Ferrata einsteigen. Aber nicht, ohne uns vorher noch schnell zu erzählen, wie bescheiden die von ihnen gewählte Zustiegsvariante war. Erst als ich im Gegenzug berichte, dass die unsere und damit der reguläre Weg auch nicht besser war, ziehen sie erleichtert los. Während wir uns noch unsere Ausrüstung anziehen und das letzte Angst-Pipi wegbringen, klettern die Norweger bereits die Einstiegswand hinauf. Schon nach ein paar Metern kommt die junge Frau zum ersten Mal an ihre Grenzen. Der vorauskletternde ältere Mann gibt ihr technische Tipps, der hinter ihr kletternde jüngere Mann, der auch den einzigen Rucksack der Gruppe trägt, redet ihr gut zu. Nach etwa 30 Metern bleiben die drei auf einem Band stehen und warten auf uns, um uns vorbei zu lassen. Wir wechseln ein paar aufmunternde Worte, schieben alles auf die Hitze, gehen davon aus, dass wir uns noch ein paar Mal treffen werden und versichern uns gegenseitig, dass die schnellere Gruppe jederzeit den Vortritt erhält.
Die nächste Zusammenkunft ist bei einer Stelle mit gestuften Felsen, die „Restaurant“ genannt wird. Hier hat man die erste Schlüsselstelle bereits hinter sich und es gibt etwas Schatten. Wir machen eine längere Keks-Pause und die Norweger schließen zu uns auf. Sie sind alle drei schon ziemlich ausgepowert. Mein Freund verteilt Traubenzucker mit Coffein. Den jüngeren Mann können wir gerade noch davon abhalten, dass er sich die Dextrose samt Plastikfolie reinzieht.
Wir sprechen uns kurz ab, wer als erstes weitergeht. Die Norweger lassen uns erneut den Vortritt und wir hängen sie immer weiter ab. Die zweite Schlüsselstelle ist noch krasser als die erste, wenngleich technisch einfacher. Man muss nicht groß überlegen und braucht einfach nur jede Menge Armkraft. Jetzt ist es noch ungefähr eine halbe Stunde bis zum Ausstieg. Ich bin erleichtert, als ich am Top die übliche Gapahuk sehe. Meinen Freund plagen bereits Krämpfe in den Unterarmen und es wird langsam Zeit, dass der Steig ein Ende nimmt. Tja, umsonst ist es nicht der Längste Nordeuropas. So ein besonderes Erlebnis wird einem halt nicht geschenkt.
Wir sitzen schon mindestens eine halbe Stunde in der Hütte und wollen gerade nachsehen, wo der Abstiegsweg beginnt, da kommen die Norweger über die Kante auf uns zu. Die drei sind völlig am Ende. Der junge Mann schlägt sich gegen die Unterarme und erzählt sofort, dass er absolut keine Kraft mehr hat und vor der letzten Schlüsselstelle sogar den Rucksack zurücklassen musste, um überhaupt noch weiter klettern zu können. Auch von den anderen hatte niemand mehr die Kraft, den Rucksack zu übernehmen. Ich überlege kurz, ob ich das Ding holen gehen soll, habe aber dann doch Bedenken, ob ich die Passagen der letzten halben Stunde einschließlich der schwierigsten Stelle noch einmal runter und wieder rauf klettern könnte – und lasse es bleiben, auch im Hinblick auf den bevorstehenden langen Abstieg. Der Mann erklärt uns dann, dass sie aus Kristiansand sind und hier die Familie des Bruders lebt. Irgendjemand, so seine Hoffnung, wird den Rucksack in den nächsten Tagen schon mitnehmen.
Beim Abstieg sind uns die großgewachsenen und drahtigen Norweger dann haushoch überlegen und wir verabschieden uns ein letztes Mal. - Stundenlang rutschen und stolpern wir durch Matsch, über Wurzeln und hohe Steinstufen, aber nicht, ohne vorher als Zugabe etwas unterhalb der Hochfläche 20 Minuten im Kreis zu gehen. Einmal Verlaufen pro Strecke muss sein! Den am Abstiegsweg liegenden Mini-Klettersteig zu einem Klemmblock lassen wir links – oder besser gesagt recht – liegen. Keine Extrameter mehr heute! Wobei, kurz überlegt habe ich schon… Wäre echt ein cooles Foto gewesen!
Völlig fertig, aber überglücklich, erreichen wir neun Stunden nach dem Start unser Wohnmobil, mit dem wir komfortabel zurück zum Campingplatz gelangen. Die anderen Gäste grillen gerade ihre frisch geangelten Fische fürs Abendessen oder werfen Stöckchen für den Hund. Wenn die wüssten… In dieser Nacht schlafen wir besonders tief und fest.
Tag 12 – Fjorden im Norden
Wir verabschieden uns vom Campingplatz-Boss in Hedde und setzen unsere geplante Route nach Norden fort. Um die Mittagszeit erreichen wir Akkrafjorden. Die Registrierung für die Via Ferrata Ingadalen, der kleinen Schwester der viel längeren Kyrkjeveggen – auf deutsch Kirchenmauer – hat laut Internet im Akkrafjorden Nature B&B zu erfolgen. Wir gehen ins Gebäude und werden prompt gefragt, ob wir uns lediglich ein bisschen in der Eingangshalle umsehen wollen. Nein, wir möchten den Klettersteig gehen. Die eine Mitarbeiterin ruft ihrer Kollegin im Nebenraum auf norwegisch etwas zu, das sich anhört wie „Stell dir mal vor, diese beiden wollen den Klettersteig gehen.“ Man hört leises Gekicher aus dem Backoffice, während uns die „Resepsjonist“ etwas ungläubig-mitleidig von oben bis unten mustert. Oh je, sehen wir wirklich so alt und ungelenk aus? Haben wir auf unserer Reise zugenommen? Oder was ist euer verdammtes Problem? - Als ich ihr erkläre, dass wir die Via Ferrata Ingadalen gehen möchten, entspannt sich ihr Gesichtsausdruck. - Aha, sie dachte wohl, wir wollen heute noch die „Kirchenmauer“ erklimmen.
Man erklärt uns, dass wir auf rote Plastikbändchen an Bäumen als Markierung achten sollen und durch einen alten Wasserdurchlass unter der Straße müssen, um zum Einstieg zu gelangen. Der Klettersteig ist zwar stellenweise nass, aber nicht schwierig, und wir sind - wie meistens - allein im Steig unterwegs. Beim Abstieg verlaufen wir uns mal wieder. Das ist ja inzwischen schon Tradition. Da der Weg, den wir fälschlicher Weise einschlagen, besser ausgetreten ist wie der eigentliche Abstiegspfad, ist das vor uns wohl auch schon vielen anderen passiert. Dass man falsch ist, merkt man irgendwann, weil man dann vor einem senkrechten Abbruch steht. Können die für 300 NOK Gebühr pro Person denn hier keine Schilder aufstellen?
Bereits nach zwei kurzweiligen Stunden sind wir wieder bei unserem fahrbaren Untersatz. Wir kehren zurück auf die Riksvei 13, die Nationalstraße Nr. 13 und erreichen nach kurzer Zeit etwas nördlich von Odda den kleinen Ort Tyssedal. Hier könnte man eine Tour zur berühmten Trolltunga buchen. Als ich die Autoschlangen und Menschenmassen sehe, vergeht mir jegliche Lust, sich das Ganze aus der Nähe auch nur anzuschauen, geschweige denn mich so einer geführten Gruppe anzuschließen. Blitzschnell disponieren wir um und lassen Tyssedal ausfallen. Wir fahren durch etliche Tunnel und über die Hardangerbrücke. Die Landschaft ist einfach unbeschreiblich. Am Abend erreichen wir Voss, einen weiteren großen Skiort. Man möchte meinen, dass auf den riesigen Parkplätzen, die im Sommer niemand braucht, ein Wohnmobil für eine Nacht nicht stören würde. Aber überall ist entweder Parkverbot für Wohnmobile oder eine Baustelle - oder irgendjemand schaut total böse drein, als wir vorbeifahren. Wir stellen uns nach einigem Herumkurven auf einen Platz am Waldrand, auf halber Höhe zwischen Hüttenresort und Skilift-Talstation. Auch hier, wo sich Fuchs und Hase - oder vielleicht auch Elch und Rentier – gute Nacht sagen, muss man mittels einer Park-App noch eine Gebühr entrichten. Dafür sind wir ganz alleine und erleben Natur pur. - Ehrlich gesagt hasse ich solche abgelegenen Plätze zum Übernachten. Aber wir sind ja in Norwegen...
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