Wolkenrüssel
Wenn früher in der Schule die Klassenkameradinnen von tollen Flugreisen in alle Welt erzählten, wurde ich immer ganz still. Ich schämte mich insgeheim dafür, dass meine Eltern mit uns – meinem zehn Jahre jüngeren Bruder und mir – in den Sommerferien wieder einmal „nur“ nach Österreich zum Wandern gefahren sind. Aus heutiger Sicht eine total verkehrte Welt, weil ich inzwischen jede freie Minute in den Bergen verbringe und mit Strandurlauben nicht mehr besonders viel anfangen kann. Ein, zwei Tage vielleicht, dann würde ich mich tödlich langweilen und ich wüsste nichts mehr mit mir anzufangen. Damals aber gab es immer Tränen, wenn wir nach zwei, drei Stunden Fahrzeit bereits an der schriftlich vorreservierten Frühstückspension in Oberbayern, Tirol oder Kärnten ankamen. Was konnte ich denn nach den Ferien da schon groß den Freundinnen erzählen? - Ein „Problem“, das sich heute vermutlich eins zu eins auf Markenklamotten und Smartphones übertragen ließe...
Aus diesem Grund gab es eine Abmachung in unserer Familie, ein Zugeständnis meiner Eltern an uns Kinder: Wenigstens jedes zweite Jahr verbrachten wir in den Sommerferien zwei Wochen am Meer. Und auch wenn meine Eltern bis heute noch in keinen Flieger gestiegen sind, so fuhren wir doch zumindest bis an die Adria oder einmal sogar bis Jütland ans dänische Kattegat. Hauptsache, nicht dieses langweilige Bergwandern!
1985 war es wieder mal soweit: Es ging an die Lidi di Comacchio in der Emilia Romangna, etwas nördlich von Ravenna. Hier waren wir schon ein paarmal und für meinen Bruder und mich war es immer das Highlight des Jahres. Manche Jahre rekrutierten meine Eltern noch eine weitere Familie mit Kindern aus der Nachbarschaft zum Mitkommen. Wir hatten einen Mordsspaß und waren zwischen flachem Meer und den damals noch nicht so verbreiteten Rutschenparks überhaupt nicht mehr aus dem Wasser zu kriegen. Aber auch die Geografie der Gegend war spannend. Die Orte mit den dazugehörigen Stränden befanden sich in einer riesigen Lagunenlandschaft, den Valli di Comacchio.
An einem ziemlich bewölkten Tag hatten mein damals sechsjähriger Bruder und ich Lust, mal auf der Landzunge in südliche Richtung zu laufen. Wir wollten sozusagen, das dortige „Ende der Welt“ erkunden. Wir schafften es auch tatsächlich, nach einem gemütlichen Spaziergang im Sand von etwa zwei Stunden ans südliche Ende des Strandes zu gelangen, dorthin wo nur noch ein wenige Meter breiter Streifen einen der großen Lagunenseen vom Meer trennt. Das war schon recht spannend, auf drei Seiten vom Wasser umgeben zu sein. Stolz und mit befriedigter Neugier machten wir uns auf den Rückweg. Wir nahmen denselben Weg zurück, den wir gekommen waren, immer direkt am Spülsaum entlang, wo der Sand fest und damit nicht so anstrengend zu laufen ist.
Doch was war das? „Schau mal!“ - Ich entdeckte es zuerst: „Die Wolke hat ja einen Rüssel!“ Sowas hatten wir beide noch nie gesehen. Sehr interessant! - Erst jetzt bemerkten wir, dass der Rüssel auf uns zukam. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, reifte erst mit einiger Zeitverzögerung in mir die Erkenntnis, dass wir direkt auf einen Tornado zusteuerten – oder besser gesagt, der Tornado auf uns! Fast zeitgleich begann ein ziemlich starker Wind zu wehen, die ersten Gegenstände, unachtsam weggeworfene Plastikflaschen, Zeitungen, Joghurtbecher usw. kamen waagrecht angeflogen und wir hatten unsere Mühe, diesen auszuweichen. Ich schrie nur noch „Renn!“ in Richtung meines Bruders. Dann schob ihn hinter mich, um ihn mit meinem Körper wenigstens ein bisschen vor dem Wind und den uns entgegenkommenden „Flugobjekten“ abzuschirmen. Durch den starken Wind sank die gefühlte Temperatur rasch ab und uns wurde ganz schön kalt. Wir hatten ja nur Bikini und Badehose an. Ich entschied, vom Wasser weg, mehr in Richtung der Gebäude zu laufen, da es so aussah, als ob der Rüssel eher über dem Wasser wäre. Jetzt wurden wir sandgestrahlt, weil der Wind den feinen trockenen Sand so sehr aufwirbelte. Ein kostenloses Peeling, auf das ich trotz meiner Pubertätsakne gut und gerne hätte verzichten können. Der Rüssel kam immer näher und drohte schon, uns den Weg zu unseren Liegen abzuschneiden. Wir waren jetzt so nah dran, dass man erkennen konnte, wie der Rüssel alles, was nicht niet und nagelfest war, in sich hinein und nach oben saugte, um es dann wieder „auszuspucken“. Spätestens als das hölzerne rot lackierte Boot der Rettungsschwimmer im Rüssel seine Runden drehte, um dann krachend am Boden zu zerschellen, bekam ich ein mulmiges Gefühl in der Magengrube. Was, wenn die Eltern bei den Liegen ausharrten, weil sie dachten, wir würden dorthin zurück laufen? Dann würden wir vor dem Ferienbungalow stehen, kämen aber nicht rein, weil wir keinen Schlüssel hatten – und die Eltern wären weiterhin der Gefahr schutzlos ausgesetzt. Wir mussten also zuerst zu unserem „Platz“, um sicherzugehen, dass dort niemand mehr auf uns wartete.
Es ist erstaunlich, wie viel Kraft und Energie man in einer Notlage entwickelt – und ich war sehr stolz auf meinen kleinen Bruder, der – anders als sonst – ohne Diskussion auf seine große Schwester hörte und bereitwillig in meinem Windschatten hinten mir herrannte. Zum Glück war er ein sehr sportliches Kind.
Irgendwie hatten wir es geschafft, um den Rüssel herum und in die Nähe unserer gemieteten Liegen zu gelangen. Schon von weitem sah ich, dass sich dort niemand mehr aufhielt. Ich war erleichtert, dass die Eltern und die Nachbarsfamilie sich offenbar bereits in Sicherheit gebracht hatten. Jetzt konnten auch wir zusehen, dass wir vom Strand weg in Richtung der Bungalow-Anlagen kamen. Die Bungalows lagen in einem riesigen lichten Pinienwald. Der Wohnbereich stand ähnlich wie auf Stelzen auf zwei Mauern. Dieser Raum unter dem Haus war gleichzeitig der Carport – und die Bauweise hatte vermutlich auch bei Hochwasser einen großen Nutzen. Wir verließen die Straße, die vom Strand wegführte, und arbeiteten uns von Carport zu Carport, von schützender Wand zur nächsten vor, bis wir endlich vor „unserem“ Häuschen standen. Nur noch die Treppe rauf… Wir klopften wie wild an die gläserne Eingangstüre. Beinahe hätten wir sie eingeschlagen. Als meine Mutter die Tür öffnete, fiel mir ein riesengroßer Stein vom Herzen. Jetzt waren wir wirklich ALLE in Sicherheit! - Meine Mutter schien ebenfalls sehr erleichtert zu sein, packte uns beide an den Armen und schob uns direkt unter die heiße Dusche. - Nach einer warmen Mahlzeit und einem Mittagsschlaf war für uns die Welt wieder in Ordnung.
Als wir am späteren Nachmittag wieder zum Strand gingen, sahen wir das ganze Ausmaß dessen, was der Wirbelsturm angerichtet hatte. Am Strand lagen die zerschellten Boote der Lifeguards. Es war eine Stimmung wie im Spätherbst: der Tornado hatte die Blätter von den Bäumen gerissen. Überall lag Plastik, Zeitungen, anderer Müll. Aber das war nichts gegen den Anblick, der sich in den Reihen bot, wo zuvor unsere Liegen gestanden hatten: Die Liegen oder was von ihnen übrig war, lagen kreuz und quer über den Strand verstreut. Die etwa 70 bis 80 Zentimeter hohen und im Boden verankerten Betonsäulen, in welche man die Sonnenschirme steckte, waren allesamt an der Geländekante umgeknickt wie Streichhölzer. Unser Liegenvermieter, dem auch der Kiosk gehörte, wo wir uns immer ein Eis kaufen durften, stand vor den Trümmern dessen, womit er seinen Lebensunterhalt verdiente. Als wir zu ihm hingingen, weinte er bitterlich und zeigte auf das aus einer dicken Betondecke bestehende Dach seines Kiosks, das der Tornado einfach so abgehoben hat und das beim Herunterfallen in mehrere Teile zerbrochen ist. Es war kein schöner Anblick und zum ersten Mal in meinem jungen Leben wurde mir klar, was eine „Schneise der Verwüstung“ ist. Wir versuchten, den völlig aufgelösten Mann, der sehr gut deutsch sprach, irgendwie zu trösten, aber was sagt man jemandem, der gerade seine Existenzgrundlage in Schutt und Asche liegen sieht? Zum Glück hat es keine Todesopfer gegeben. Aber mir wurde jetzt erst so richtig bewusst, in welch gefährlicher Situation sich mein kleiner Bruder und ich tatsächlich befunden hatten.
Viele Jahre später fragte ich mal meine Mutter, ob sie sich denn keine Sorgen um uns gemacht hatte. Sie meinte nur, „Kind, ich habe darauf vertraut, dass du schon das Richtige tun würdest. Trotzdem war ich heilfroh, als ihr beide durchgefroren und sandgestrahlt vor der Tür gestanden seid.“ - Ich bin immer noch heilfroh, dass ich mir in der akuten Situation der ganzen Gefährlichkeit gar nicht vollständig bewusst war…
Ich poste diese Geschichte, die für uns damals ein Happy End hatte, gerade jetzt, weil sich auf Grund der klimatischen Veränderungen Tornados inzwischen auch in Deutschland immer mehr häufen und es auch immer wieder Todesopfer zu beklagen gibt. Wenn ich die Bilder der Verwüstung sehe, bin ich jedes Mal dankbar, wenn es nicht die eigene Region, das eigene Zuhause oder gar geliebte Menschen erwischt hat. Gleichzeitig ist man in Gedanken bei all jenen, die unmittelbar betroffen sind.



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