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Zwischen Kristiansand und Kristiansund - Teil 1

aj
18. Juli
13 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 31. Aug.


Gedanken einer Norwegen-Reise


Eines gleich vorneweg: Dies hier wird kein Reise-Blog über Norwegen. Das können andere besser. Außerdem bin ich weit davon entfernt, eine Norwegen-Spezialistin zu sein. Meine Norwegen-Aufenthalte schaffen zusammengerechnet nicht mal ganz zwei Monate. Wenn ihr also wissen wollt, wo man am besten seine Gasflaschen tauscht: wir mussten aufgrund des Wetters nicht heizen und hätten uns stattdessen lieber eine Stand-Klimaanlage im Wohnmobil gewünscht. Wie ihr am besten mit der Fähre von Aborg nach Besand kommt oder ob der Weg von Cevik nach Defjell an der Küste oder durch die Berge schöner ist? Keine Ahnung! Wer aber Lust hat, über einen Roadtrip von Klettersteig zu Klettersteig in Südnorwegen zu lesen, ist hier genau richtig. Apropos Südnorwegen - wo genau ist das eigentlich? Ich finde ja, dass Norwegen auf der Landkarte ein bisschen aussieht wie eine Kaulquappe - oder ein... Nein, diesen Vergleich erspare ich euch! Wir sind dann also quasi im Köpfchen umhergekurvt. Wobei "Köpfchen" etwas untertrieben ist, das Land ist noch größer als man erwartet und man kommt auf den häufig nur einspurigen Straßen einfach nicht vom Fleck.



Tag 1 - Los geht´s


Heute geht es endlich los. Mein Freund holt mich an der Haustüre ab. Perfekter Service! Wir fahren zusammen zu dem kleinen Camper-Verleih in der Nähe von Sagined bei München. Auf einem Bauernhof am Ortsrand stehen sie schon alle da in Reih und Glied, diese weißen "Straßenschiffe", die einem die totale Freiheit verheißen wollen. Aber zuerst - wie sollte es anders sein - Papierkram. Oder besser gesagt - wir schreiben ja schließlich das Jahr 2026 - Digitalkram. Allein für den Abschluss einer Zusatzversicherung brauchen wir fast eine Dreiviertelstunde. Das System kann den Unterstrich in der E-Mail-Adresse meines Freundes nicht erkennen. Macht ja nix, hat ja heute nur knapp 33 Grad im Schatten - und hier in diesem Kabuff, das mal ein Büro werden möchte, ist es angenehm... feucht. Als die Jungs endlich zu Potte kommen, geht es an die Besichtigung des Vehikels. Ein Kratzer hier, eine kaputte Scheibe da, alles wird fein säuberlich dokumentiert. Dieses Dachfenster bitte lieber nicht öffnen... Drinnen im Gefährt bin ich die einzige, die mal wie zufällig an den Rollos rum zupft. Prompt sind zwei davon kaputt. Bitte auch aufschreiben! Danke! - Riechen tut´s hier drinnen auch nicht gerade lecker... Das Ding ist immerhin erst seit drei Monaten im Einsatz.

Irgendwann ist auch die letzte Unklarheit beseitigt und wir räumen unser Gepäck samt Kletterausrüstung in den großen Kofferraum. Noch schnell das Auto sozialverträglich in der Halle geparkt - und schwupp, kaum wartest du eine Stunde, kann der wilde Ritt auch schon beginnen. Wir düsen los.

Aber halt, wir müssen ja auch noch den Kühlschrank füllen. Erste Fahrtunterbrechung nach knapp zwei Kilometern. Macht echt mega Spaß, so in der sengenden Hitze ein Wohnmobil einzuräumen und die Betten zu beziehen. Wenigstens beim Einkaufen sind die Temperaturen erträglich. Keine Ahnung, warum mich die Mitarbeiterin des Supermarktes so böse angeschaut hat. Ich stand ja nun wirklich nicht zu lange bei geöffneten Türen am Kühlregal.

Jetzt aber... wir fahren. Endlich! Servus, Pfiat euch. Bis in dreieinhalb Wochen! - Immerhin erreichen wir mit Einbruch der Dunkelheit noch die Autobahnraststätte Hirschberg in Thüringen. Morgen früh geht es weiter Richtung Norden.


Tag 2 – Eier und Käse


Heute heißt es Kilometer fressen. Allerdings geht uns am ersten Morgen im Wohnmobil noch nicht alles so von der Hand, wie man sich das wünschen würde. Wir müssen uns erst eingrooven. Nach dem Frühstück machen wir zunächst einen Schlenker nach Petersberg im Saalekreis (Sachsen-Anhalt). Dort gibt es im Krosigker Steinbruch einen kleinen Klettersteig. Ein bisschen die Füße vertreten kann ja nicht schaden. Sitzen werden wir noch lange genug. Wir finden sogar auf Anhieb die kleine Sandstraße, die zum Parkplatz des Klettergartens führt. Der Parkplatz ist leer. Es ist heiß, sehr heiß sogar, gefühlt mehr als 35 Grad. Fast unwillig steigen wir aus dem Wohnmobil. Wir laufen die Sandstraße zu Fuß weiter. Wir laufen… und laufen… und laufen. Irgendwann wird uns klar, dass hier weit und breit kein Klettersteig auftauchen wird. Also kehren wir um. Von wegen fünf Minuten Zustieg. Fast schon wieder am Parkplatz entdecke ich im Gebüsch eine halb umgefallene Tafel. Sie besagt, dass der Krosigker Steinbruch wegen Vogelbrut bis einschließlich 31. Juli 2026 gesperrt ist. Doofer Vogel! Kann der seine Blagen nicht woanders großziehen? - Na gut, was soll´s? Klettersteig Nr. 1 entfällt wegen höherer Gewalt. Gibt Schlimmeres...

Der blöden Trittstufe vom Wohnmobil ist es offenbar auch zu heiß heute. Sie bockt. Mit etwas manueller Nachhilfe und gutem Zureden mag sie aber dann doch noch ausfahren. Achtung Spoiler: Es war das letzte Mal. - Zu unserem großen Glück lässt sie sich auch noch ein letztes Mal wieder einfahren.

Am frühen Abend fahren wir bei Flensburg über die deutsch-dänische Grenze. Nach etwa 35 Kilometern auf dänischem Boden halten wir auf einem Autobahnrastplatz an. Ich möchte kurz nachschauen, wo wir uns für die nächste Nacht hinstellen können. „Du hast doch die Karten runtergeladen, oder?“ Da ist aber keine Karte von Dänemark. Und von Schweden auch nicht! Unglaublich! - Mein Freund hat doch tatsächlich auf seiner sündteuren Premiumversion der GPS-App versehentlich nur die Offline-Karten von Norddeutschland und Norwegen runtergeladen. Na toll! Und jetzt? Die mobilen Daten funktionieren ebenfalls nicht. Das Gasthaus der Raststätte hat kein Gäste-WLAN... und es ist immer noch total heiß. Oh Mann!… Heuwägelchen, Heuwägelchen… Wir fahren also wieder zurück nach Deutschland und laden erstmal sämtliche benötigten Karten auf die „Digitalprothese“. Und der Mobilfunkanbieter meines Freundes bekommt es doch tatsächlich in der Zwischenzeit sogar – nach drei Telefonaten ins Call-Center – schon gebacken, den Account so umzustellen, dass wir wieder mobile Daten haben und nicht im Blindflug durch Dänemark und Schweden müssen. Immerhin schaffen wir es im zweiten Anlauf noch über den Kleinen Belt bis Fünen. Kurz nach den ARLA Werken finden wir einen schönen kostenlosen Stellplatz am Birkum-See. Es wird gerade dunkel.



Tag 3 – Wasser


Juhuuu! Gleich in der Früh fahren wir von Fünen über den Großen Belt nach Seeland und kurz danach über die Öresundbrücke, die Kopenhagen mit Malmö verbindet. Die dänisch-schwedische Grenze verläuft auf halber Strecke quer über die Brücke mit ihren bis zu 203 Meter hohen Pylonen. Grandiose Masterpieces der Ingenieurskunst, diese Bauwerke! Abwechselnd Tunnel, Brücken und dazwischen aufgeschüttete Inselchen, clever ausgenutzt als Verbindung. Dementsprechend hoch ist natürlich auch die Nutzungsgebühr. Aber immer noch günstiger, als die Fähre von Kiel nach Oslo. Und viel spannender!

In Schweden verlassen wir zwischen Lund und Göteborg immer wieder die Autobahn. Wir müssen dringend Frischwasser nachfüllen. Unser Camper-Vermieter hat uns nur 25 Liter mitgegeben – und die sind nach 2 Nächten „Freistehen“ so gut wie aufgebraucht. Wir fahren ein paar Campingplätze an, aber niemand will uns Wasser geben, nicht mal gegen Bezahlung. Wir sind genervt! Nix wie weg hier! Hätte nicht gedacht, dass die Schweden so ungastlich sind. Aber vielleicht sind Betreiber überfüllter Campingplätze in der Hochsaison auch einfach nicht repräsentativ für die restliche Bevölkerung?...

Wir fahren also schnurstracks nach Norwegen weiter. Kurz hinter der schwedisch-norwegischen Grenze dürfen wir an einer Tankstelle in einem Stahlschrank, in dem sich auch Utensilien zum Autowaschen befinden, den Wasserschlauch benutzen. Das „Bilvask“-Wasser ist sauberes Trinkwasser, lernen wir - und nehmen das Angebot dankend an. Dafür kaufen wir dem Tankstellenpächter zwei Steckerleis ab. Nachdem diese Stahlschränke für die Autopflege an den norwegischen Tankstellen anscheinend üblich sind, wissen wir jetzt wenigstens, wo wir zur Not Wasser herbekommen, falls es uns nochmal ausgehen sollte.

Bei Halden fahren wir hinauf zur Schleusenanlage am Haldenkanal. Die Brekke sluser ist mit knapp 27 Metern die höchste zusammenhänge Schleusentreppe Europas. Und dort befindet sich auch die Via Ferrata Haldenkanalen. Um sieben Uhr abends ist aber natürlich niemand mehr vor Ort. Im Internet erfahren wir dann, dass am nächsten Tag um halb elf Uhr vormittags noch ein Platz frei wäre. Vergeblich versuchen wir, zwei Plätze zu buchen. Der Algorithmus ist leider nicht zu überlisten. Die nächsten freien Plätze gibt es um halb zwei. Das ist uns zu spät. Außerdem haben wir irgendwie keine Lust, im Pulk mit 20 Leuten in einer einfachen Felswand einmal von links nach rechts zu queren, um dann eine Seilrutschenfahrt, neudeutsch Flying Fox, über den Kanal zu unternehmen – das Ganze für stolze 65 EURO. Wir beschließen einstimmig, solche Klettersteige, die nur mit Guide und in der Gruppe begehbar sind, von unserer To-do-Liste zu streichen.

Zum Übernachten stellen wir uns ein paar Kilometer weiter an den idyllischen Femsjöen. Wegen der kaputten Trittstufe falle ich beim Aussteigen fast auf eine Stockentenfrau. Der Erpel schimpft zuerst lautstark mit mir, lässt mich aber dann doch ganz nahe heran kommen. Seine Frau frisst derweil weiter. Ausgerechnet jetzt fängt es an zu regnen. Das stört aber die vielen Mücken ganz und gar nicht, die gerade über mich herfallen. Läuft bei uns!



Tag 4 – 72 Stunden


Die düsteren Regenwolken von gestern Abend sind in der Nacht abgezogen. Der Himmel ist blitzblank geputzt und es ist in der Früh schon wieder ungewöhnlich warm. Verzogen haben sich damit auch unsere Sorgen, dass das Wetter schlecht bleiben könnte und wir heute wieder keinen Felskontakt bekommen. Wir fahren zurück auf die Autobahn und auf dieser zuerst um den Oslofjord herum und dann einmal quer durch die norwegische Hauptstadt. Soviel Kultur darf´s dann doch sein! Danach muss endlich mal ein Klettersteig abgehakt werden. Auf den Spuren von Henrik Ibsen verlassen wir die Küste Richtung Norden in die Telemark, wo unter anderem der bekannte Skistil geprägt wurde. Hinter Fyresdal bei Hauggrend biegen wir zu einem kleinen Campingplatz ab. Es hat inzwischen wieder 29 Grad, fühlt sich aber noch heißer an. Vielleicht, weil man es hier einfach nicht erwartet?

Die Campingplatzbetreiber erklären uns alles, reservieren uns derweil schon mal einen schönen, geraden Stellplatz direkt am See Skredvatn und ziehen den in Norwegen üblichen Unterhaltungsbeitrag für Klettersteige ein, den jeder Eigentümer oder Betreiber selbst festlegen darf. Es sind diesmal „nur“ 175 Norwegische Kronen (NOK). Wir müssen unsere Ausrüstung vorzeigen und beweisen, dass wir damit umgehen können. Aktuell wird uns wegen der Hitze von einer Begehung abgeraten. Wir sollen lieber bis zum Abend warten. Entgegen der gut gemeinten Ratschläge entscheiden wir uns dafür, in der prallen Sonne einzusteigen. Der kühlere Abend ist nur was für Weicheier! Ein spätes Mittagessen gönnen wir uns aber schon noch, bevor wir mit dem Wohnmobil die zwei Kilometer zum Ausgangspunkt fahren. Ziemlich exakt 72 Stunden, nachdem wir in Bayern losgefahren sind, stehen wir am Einstieg unseres ersten norwegischen Klettersteigs! Yeah! - … Und sind gleich mal enttäuscht: Da liegt ein an Bohrhaken befestigtes, sehr dünnes, sehr schlappes Drahtseil auf dem Boden. Aber wir haben dafür unterschrieben, dass wir uns zuverlässig immer mit zwei Karabinern am Seil einhängen. Also machen wir das auch. Karabiner am Drahtseil, laufen wir aufrecht eine Granitplatte rauf, die von eiszeitlichen Gletschern glatt geschliffen wurde. Das geht eine ganze Weile so. Endlich wird es steiler und man braucht nun tatsächlich auch mal beide Hände. Einmal muss man sogar etwas kräftiger zupacken. Ehe man sich versieht, ist die erste Hälfte der Wand überwunden. Auf einem bewachsenen Felsband kann man zu einer Holzterrasse mit Liegestühlen queren. Hier könnte man sich 400 Meter abseilen, wenn man ein entsprechendes Seil dabei oder das Event mit einem Guide gebucht hätte. Wir wollen aber auch noch den zweiten Teil der Wand durchsteigen und laufen den Weg von der Terrasse wieder zurück. Etwas anspruchsvoller, aber nirgendwo wirklich schwierig, kraxeln wir auf Reibung oder auf dünnen Metallklammern weiter. So hatten wir uns das eigentlich nicht vorgestellt. Sah auf den Bildern zuhause irgendwie spannender aus! Die Landschaft entschädigt jedoch tausendfach für die fehlenden Herausforderungen. Und die große Hitze sowie die Tatsache, dass gerade niemand außer uns hier unterwegs ist, tragen dazu bei, dass wir uns dann doch irgendwie „cool“ vorzukommen. Oben am Ausstieg laufen wir noch schnell zu den Moorseen des Skrefjell, bevor wir uns an den Abstieg machen. Kurz darauf sind wir wieder zurück am Ausgangspunkt. Die Tour hat uns alles in allem nicht mal dreieinhalb Stunden gekostet. Am Abend packen wir unsere Badesachen und gehen die paar Schritte vom Stellplatz zum See. Aber weiter als bis zu den Knien schaffen wir zwei Frostbeulen es leider nicht ins kühle Nass. Wie kalt das Wasser wohl erst sein muss, wenn es nicht über mehrere Tage hinweg fast 30 Grad Lufttemperatur hat? - Uns kann jedenfalls heute auch kein zu kaltes Wasser mehr den Spaß verderben. „Eing´fadelt is´“, wie man bei uns sagt. Jetzt läuft das Ferrata-Zählwerk! - Mit einem breiten Grinsen im Gesicht gehen wir zu Bett.



Tag 5 – Am Strand von Baly


… Nein, das ist kein Schreibfehler! Aber erst einmal fahren wir wieder zurück Richtung Küste und dann in die Region Agder nach Amli. Am Fluss Nidelva finden wir für unser fahrbares Schneckenhaus einen Parkplatz. Beim Elvarheim Waldmuseum, wo der günstigere Ausgangspunkt für den nächsten Klettersteig gewesen wäre, war schon alles belegt. Es ist mit 28 Grad auch heute wieder ungewöhnlich warm für Norwegen, sogar für den Süden, und wir sind bereits patschnass geschwitzt, als wir am Museum vorbei gehen. Bei einem hölzernen Torbogen stehen die Regeln für die Nutzung der Via Ferrata Trogefjell - oder Trogfjell, je nachdem, ob man vor Ort der Tafel oder lieber dem Internet glaubt: Man darf nicht alleine klettern. Passt! Wir sind ja zu zweit. Unter 18 Jahren darf man nur in Begleitung eines Erwachsenen klettern. Okay! Da sind wir knapp drüber. Fotoapparat und Handy müssen mit einer Schnur am Körper befestigt oder im Rucksack verstaut werden. Ergibt Sinn, könnte ja sonst jemandem auf den Kopf fallen. Aber nur, wenn die Regel, dass zwischen zwei Gruppen mindestens eine Stunde Abstand liegen muss, nicht beherzigt wird. Länger sollte nämlich der gesamte Aufstieg nicht dauern.

Über glatt geschliffene Granitplatten laufen wir leicht ansteigend der Wand entgegen. Sie schaut ähnlich aus wie die von gestern, nur viel steiler. Von weitem sieht man, dass niemand in der Wand klettert. Das Buch zum Registrieren am Einstieg hat anscheinend jemand mitgenommen. Also steigen wir unregistriert ein. Dafür aber nicht uninspiriert, geschweige denn untranspiriert.

Für den Aufstieg wählen wir die schwierigere Variante, D auf der internationalen Schall-Skala. Die geht aktuell von A bis F, wobei A ganz einfach ist und F für „f***ing überhängend“ stehen könnte. 200 Meter geht es fast senkrecht nach oben. Laut Beschreibung wurden in dem Steig über 300 Eisenklammern verbaut. Noch ein paar mehr Klammern hätten aber auch nicht geschadet. Oder wir können aufgrund unseres Alters einfach unsere Beine nicht mehr so hoch anstellen. Jedenfalls fehlt mir gefühlt immer eine Klammer zwischen zwei vorhandenen. Ganz schön anstrengend! Aber auch ungleich interessanter als das betreute Plattenherumgelaufe gestern. „Piazzen“ nennt man das, wenn man sich vom Fels wegstemmt und dann ohne Tritte nur auf Reibung quasi die Wand hochläuft. Zum Glück wird der Abstand der Klammern nach den ersten 50 Metern etwas gemütlicher. Ich bin wegen der Hitze in der Wand auch so schon ziemlich fertig, als ich bei der Gipfelfahne ankomme. Mein Freund kommt später - und ist kurz vorm Kollabieren.

Wir gehen kurz rüber zur Gapahuk, wie die Unterstandshütten, meist mit Feuerstelle, auf Gipfeln oder an Wanderwegen in Norwegen heißen. Kaum vorstellbar, dass der darin befindliche Ofen vielleicht bereits den einen oder anderen Wanderer in der kalten Jahreszeit vor Bergnot bewahrt hat. Heute jedenfalls ist es in der Hütte mit zweiseitiger Panoramaverglasung bei geschätzten 50 Grad nicht auszuhalten. Wir beschließen, für den Abstieg kurzerhand die andere, einfachere Variante des Klettersteigs – im Grunde genommen sind es zwei separate Steige - zu nehmen, nachdem oben kein Schild das Abklettern verbietet. Die Wandneigung ist dieselbe. Nur dass man hier mehr Quergänge eingebaut hat und die Klammern einen geringeren Abstand zueinander haben. Vergnügt, dass wir auf diese Weise heute gleich zwei Klettersteige ins Tourenbuch eintragen können, kraxeln wir zurück zum Wanderweg.

Weiter geht’s nach Baly. Am Hafen finden wir einen schönen offiziell ausgewiesenen Stellplatz, auf dem wir gegen Gebühr sogar Strom bekommen. Außer uns steht nur noch ein weiteres Bobil, wie Wohnmobil auf norwegisch heißt, zum Übernachten da.



Tag 6 – Under and autsch!


In der Nacht schlagen irgendwelche Idioten mit irgendwas gegen den Camper. Ich schrecke kurz hoch und wecke meinen Freund. Der hat wieder mal nichts mitbekommen. Gesegnet, wer so einen tiefen Schlaf hat. Aber auch ich bin von der Tour in der heißen Südwand des Trogfjell gestern Nachmittag so kaputt, dass ich, nachdem sich mein Puls reguliert hat, relativ schnell wieder einschlafe. Am Morgen nutzen wir die kühleren Temperaturen und laufen vom Stellplatz die paar hundert Meter zu Fuß zum Informationszentrum und dann weiter zum berühmten Unterwasser-Restaurant Under, das aussieht, als wäre ein U-Boot im Hafenbecken havariert und hängt jetzt - halb im Wasser, halb oberhalb des Meeresspiegels - hier fest. In Wirklichkeit war das alles genau so geplant und ist Teil des Konzepts. Hier zaubert nach einer völligen Neuausrichtung seit 2024 Küchenchef Bernt Saetre mit saisonalen und regionalen Produkten aus Südnorwegen an drei bis vier Tagen pro Woche für seine Gäste ein Sterne-Menü, während vor der dicken Scheibe in fünf Metern Tiefe die tierischen Bewohner des Skagerraks vorbei schwimmen.

Wir fahren weiter über Flekkefjord nach Ana-Sira. Dort ist der letzte Parkplatz. Das Stück nach Roligheten, wo der Aufstieg zum 193 Meter hohen Brufjell beginnt, muss man auf der Straße laufen. In Roligheten selbst gibt es keine Parkplätze für fremde Autos – und schon gar nicht für sieben Meter lange WoMos. Wir steigen recht steil in den Felsen auf und verlaufen uns prompt. Kaum sind wir zurück auf dem richtigen Pfad, landen wir schon wieder irgendwo in der Prärie. Weiter unten sehen wir einen Weg und Leute. Sind wir schon wieder falsch? Das darf doch wohl nicht wahr sein! Sind wir denn doof oder was? Sogar die Ziegen schauen uns erstaunt nach, als wir von Felsköpfl zu Felsköpfl turnen. Irgendwann finden wir dann doch noch den Beginn der Schlucht, durch die die Via Ferrata Brufjellhalene runter zu den Klippen und zu den von der Brandung ausgewaschenen Halbhöhlen führt.

Auf halber Strecke hole ich eine dreiköpfige Familie ein. Die Mutter traut sich gerade nicht weiter und weint. Die Tochter weint ebenfalls. Der Vater reagiert sehr verständnisvoll und redet mit einer Engelsgeduld auf seine beiden Mädels ein. Als sie mich sehen, gehen sie bei nächster Gelegenheit weg vom Seil, um mich vorbei zu lassen. Finde ich sehr nett, erlebt man heutzutage nicht mehr so oft. Ich grüße freundlich und bedanke mich. Der Sprache nach zu urteilen könnten es Tschechen sein. Gerade als ich an ihnen vorbei bin, passiert es: Da der Steig nicht wirklich fordernd ist, lasse ich meine rechte Hand einfach am Drahtseil mitgleiten – bis eine hervorstehende Drahtlitze meinen Schnellabstieg jäh beendet. Mit ordentlicher Wucht ramme ich mir das verirrte Stück Metall zwei Zentimeter der Länge nach in meinen rechten Daumen. Autsch!!! Ein stechender Schmerz durchfährt mich. Nun wäre es das Vernünftigste gewesen, den Daumen in der Gegenrichtung wieder sanft zu befreien. Aber noch bevor der logisch-analytische Teil meines Gehirns Kontakt zu meiner Hand aufnehmen kann, grätscht der evolutionäre Fluchtreflex bereits dazwischen: Ruckartig reiße ich meinen aufgespießten Daumen vom Drahtseil weg. Ein zweiter stechender Schmerz überlagert den ersten. Augenblicklich fließt für einen Finger ziemlich viel Blut. Ich sehe im Augenwinkel noch die entsetzt-mitfühlenden Blicke der tschechischen Familie, die jetzt schnell weiterklettert. Meinen Daumen halte ich erstmal so herum, dass das ganze Blut abtropfen kann. Schadet sicher nichts, wenn der Dreck vom Drahtseil mit ausgeschwemmt wird, denke ich mir. Und es entbehrt zudem nicht einer gewissen Symbolik – Daumen runter halt. Mein Freund hat wieder mal nichts mitbekommen. Als er zu mir aufschließt, frage ich ihn, ob er ein Pflaster für mich hat, oder auch zwei oder drei… und etwas Tape vielleicht. Er meint nur, ob ich denn selber keines dabei hätte und dass er jetzt gerade gar keine Lust hat, den Rucksack abzunehmen, wo es doch so heiß ist und er so verschwitzt. Erst als ich ihm andeute, dass ich gerade - aus Gründen - keine Hand frei habe, schaut er genauer hin. Augenblicklich setzen seine Beschützerinstinkte ein und er packt seinen gesamten längst abgelaufenen Erste-Hilfe-Kram aus, den er dabei hat. Ich bekomme ein paar Pflaster übereinander und dann noch eine halbe Rolle Tape um den Finger gewickelt. Tobt zwar ordentlich, aber körpereigene Schmerzmittel machen ihren Job richtig gut in solchen Situationen. Wir überholen die Tschechen nun doch noch. Die Mutter traut sich gerade nicht weiter und weint… - Als wir bereits auf dem Rückweg sind, kommt auch die Familie, jetzt deutlich entspannter, unten bei den Höhlen an. Wir lassen ihnen diesen Moment und machen uns aus dem Staub, zurück nach Roligheten. Aber nicht, ohne uns noch ein paarmal zu verlaufen.

Bei der Stellplatzwahl für die Nacht bin ich heute mäkelig: Da ich davon ausgehe, dass ich wegen der Fingerschmerzen ohnehin kein Auge zumache, möchte ich wenigstens eine schöne Aussicht, vorzugsweise in die überwältigende Natur haben. - Wir übernachten auf einem total überfüllten Stellplatz im Zentrum von Flekkefjord, direkt an der Einfahrt, mit Blick auf eine Mauer und das nächste Wohnmobil. Die „Pole-Position“, wo alle durchfahren, wollte anscheinend niemand haben. Wobei, direkt vor dem Klo wäre auch noch was frei gewesen.


Spoiler: Der Daumen heilte innerhalb weniger Tage wieder recht gut zusammen. Eine zwei Zentimeter lange Narbe mit einem kleinen Wulst, der kribbelt, wenn man drüber streicht, habe ich als Andenken behalten. Das Stechen, wenn ich feinmotorisch etwas fester zupacken muss, geht hoffentlich im Laufe der Zeit wieder weg.



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